Splash! Festival 16 – Nachbericht

Robert Winter

Robert Winter

Die Kräne sind furchterregend schön, in den Himmel aufragend wie gotische Spitztürme. Wenn es dunkel wird, werden sie mit üppigem Licht bestrahlt und wirken so gefährlich wie anziehend“, schreibt The Guardian über das Areal in der Nähe von Gräfenheinichen. Das Splash! Festival in Ferropolis, einem alten Braunkohlewerk in der Nähe von Leipzig, gilt als DAS HipHop-Event im deutschsprachigen Raum. Wenn man einmal dort war, versteht man auch warum: Das ganze Gelände ist übersäht mit männlichen wie weiblichen Kappenträgern, Rapmusik und natürlich extrem vielen Künstlern. Auch wenn sie selbst nicht aufgetreten sind, haben viele Musiker den Weg in den deutschen Osten auf sich genommen, um sich mit Kollegen zu connecten. So kam es, dass zu späterer Stunde die Mehrheit der Festivalbesucher einen musikalischen Backround hatte und man sich schlussendlich wie auf einem Treffen der HipHop-Abschlussklasse von ’98 fühlte.
Aber von Anfang an: Diesmal wird auch schon der Donnerstag im Rahmen eines Splash-Spezials bespielt, in der Hauptrolle Kendrick Lamar. Zuvor konzertieren allerdings noch Tufu sowie Luk&Fil von Sichtexot (Interview & Just For The Record folgen) und SAM, bis das Good Kid aus der M.A.A.D. City auf die Bühne kommt und eine gute Show abliefert  aber auch nicht mehr als das.

SPLASH16_T01_IMG_5631

Am nächsten Tag erleuchten die Sonnenstrahlen das Areal rund um den Gremminer See, an dessen Ufer noch etliche riesige Kräne an das frühere Industriegebiet erinnern. In dieses Ambiente fügte sich Chefket mit dem Sound seiner neuen EP “Identitäter” gekonnt ein, um später noch als Sänger bei Marterias Auftritt zu glänzen. Übrigens haben wir auch ein Interview mit dem identitätshinterfragenden Rapper geführt, in dem wir über die deutsch-türkische Gruppe Cartel sowie die Lage der Musiker in der Türkei sprechen. Damion Davis, der im vergangenen Monat schon zweimal live in Wien zu sehen war, überzeugte wieder einmal das Publikum restlos von seinen Livequalitäten, versucht er doch, die Zuschauer bei jedem Song auf eine andere Art und Weise in die Show miteinzubinden. Den gesamten Auftitt kann man sich übrigens bei ZDF.Kultur ansehen, um sich selbst ein Bild dieses Vollblutmusikers zu machen. Auch mit ihm haben wir geplaudert, unter anderem über die Gentrifizierungsdebatte in Berlin sowie Polizeigewalt, die er in seinem Song “Erschossen” anprangert.

Damion Davis am Splash! 2013, Foto: IMAGEAGENCY.com

Damion Davis am Splash! 2013, Foto: IMAGEAGENCY.com

Gleichzeitig findet in einem Hangar die Splash Lesebühne statt es werden Twitterromane vorgelesen und der moderierende Marcus Staiger tanzt in einem Antifashirt sechs Minuten lang zu einem türkischen Freiheitssong, um kurz darauf mit seinem Kollegen von der Juice, der übrigens über die oft sehr merkwürdigen Geschehnisse vor und nach Interviews erzählt, eine Flasche Jägermeister zu leeren. Ein ungewohntes Bild. Raus aus dem Betonbau und nach Frischluft schnappend, überschlagen sich die Ereignisse: Oddisee ist für viele der Festivalbesucher mit seiner energetischen Liveshow DAS Highlight der ganzen Veranstaltung (hier ansehbar), Lance Butters und vor allem die Chartstürmer Genetikk überfüllen die kleinste und VBT-dominierte Stage am Seeufer mit 10.000 Leuten, während das Sorgenkinder-Soundsystem unter dem Schirmherrn Herr Sorge vor einem eher kleineren Publikum ihre “Alice im Wunderland”-artige Performance zum Besten gibt. Durch den Videodreh von Genetikk werden unzählbare Mengen an Papiervoodoomasken verteilt, die sich mit denen von MC Fitti rivalisierten. Doch im Interview erzählen Karuzo und Sikk, dass MC Fitti das dürfe, er sei doch genauso cool wie sie. Ästhetik gibt es auf jeden Fall auch bei A Tribe Called Quest, die Eastcoast-Legenden, die angeblich mit ihren Müttern angereist sind, um ihre erste Show nach 15 Jahren zu spielen. Die MCees Q-Tip und Phife Dawg geben dabei ihr Bestes, obwohl Letzterer krankeitsbedingt nicht alle Parts übernehmen kann. Trotzdem liefert die Crew einen phänomenalen Auftritt auf der ostdeutschen Mainstage ab, auch wenn viele der Festivalbesucher nicht wissen, um welche Musiker es sich dabei eigentlich handelt  fragende Gesichter bitten um Auskunft und zeigen sich betrübt, als sie erfahren, dass Marteria als Headliner dieses Freitagabends wohl noch ein wenig auf sich warten lässt.

IMAGEAGENCY.com

IMAGEAGENCY.com

Die Warterei wird aber auch gerechtfertigt. Wie Moses teilt ein SM-maskierter Marteria bei seiner Ersterscheinung die große Menge des Publikums in zwei und wird von Securitys durch die aufgebrachte Schar an Jugendlichen geleitet. Es folgen poppige Songs des Chartwunders Marteria, bis plötzlich das gesamte Areal in grüne Nebelschwaden getaucht wird. Was das zu bedeuten hat, weiß jeder: Marsifuckinmoto ist am Start und wird mit Bengalen begrüßt. Nach dem kaiserlichen Auftritt zu Beginn der Show, bündelt der Rostocker noch einmal seine Kräfte und “reitet” auf einem grün-qualmenden und überdimensionalen Jointgefährt über die Köpfe des Publikums hinweg. Lange dauert das Rodeospiel zwar nicht, aber ein Höhepunkt für viele Zuschauer ist es allemal. Zu späterer Stunde zeigen schließlich noch die Betty Ford Boys, wie sie ihren Lebens- und Musikstil zelebrieren und mobilisieren noch einmal die von der Hitze erschöpften Wesen zu ekstatischen Tänzen bis weit in die Morgenstunden.

IMAGEAGENCY.com

IMAGEAGENCY.com

Diese folgenden Morgenstunden beginnen für die Camper unter den Festivalgästen immer gleich: Gegröle von den Zeltnachbarn, die auch gerne einmal die ganze Nacht mit “Halt die Fresse”-Geschrei verbringen, Warteschlangen vor den Duschen UND gemütliches Beisammensein im Biergarten, der von einigen Wiener DJs gehostet wird. Mit dabei sind Ottomatic, Clefco, Mainloop, Ra-B, Kidkut, Stanley Stiffla, Melik und Simp von Dusty Crates sowie Dizzy Dee. Dieses Line-up würde auch in Wien eine größere Location füllen. Nach dem Aufwärmtraining mit den Beats aus österreichischen Fadern, präsentiert sich der Samstagnachmittag mit Acts wie Brenk Sinatra, Megaloh (der seine Splash-Cypher live mit Amewu, Chefket, Damion Davis und Greeny Tortellini live performt), The Underachievers, Joey Bada$$ oder Die Orsons. Edgar Wasser gibt sich sein Stelldichein nach dem Krunk-Festival und bestätigt die Annahme, dass er wohl einer der besten Live-MCees der Republik sei. Bei ihm versteht man nicht nur jedes Wort, sondern ebenso jede Silbe  auch wenn er einmal seinen Einsatz verpasst. Aber das scheint am diesjährigen Splash sowieso eine Bühnenkrankheit zu sein, die fast jeden Act einmal in die Knie zwingt. Dieses Faktum kann der Münchner mit viel Schmäh und Ironie jedoch gleich wieder relativieren. Und man muss schon schmunzeln, als er das VBT zum vierten Element der HipHop-Kultur auserkort. Als Feature-Gast holt er sich einen Kollegen aus der Heimat, nämlich Fatoni, und bestätigt, dass es bald ein gemeinsames Album zu hören geben wird.

Robert Winter

Robert Winter

Was sonst von Samstag noch zu erwähnen ist? Ein männerdominiertes Publikum bei Morlockk Dilemma und Hiob, die übrigens zum Abschluss gemeinsam mit Audio88 und Yassin als Die Bestesten performen, sowie bei Huss und Hodn. Ach ja, Hulk Hodn und sein rappendes Pendant, der Retrogott, sind sowieso wie von einem anderen Planeten. Spottend und schimpfend werden Bitches und Pimps thematisiert, zu Swing getanzt, Geld als Feind der Menschheit definiert, gerülpst und Hurensohnologie auf gefühlte hundert verschiedene Arten “gesungen”. Zudem gibt es Probs an Brenk, Dexter, Suff Daddy, Dennis Da Menace, Hiob, Sylabil Spill von der Entourage und Morlockk  eine ungewohnt hohe Zahl an Künstlern, bedenkt man die sonst so raue Art, mit der die beiden Kölner normalerweise ihren Mitmenschen öffentlich gegenübertreten. Nach “You” auf einen Evidence-Beat gibt’s noch einen Fanta-4-Diss. Richtig bemerkt, Retrogott hat jetzt offiziell Beef mit den Fantas!

Der Headliner am Samstagprogramm ist demnach Casper, der wie gewohnt mit rockigem Sound und Liveband auftritt  und sein neues Album “Hinterland” vorstellt. Wie gewohnt gibt es Tracks auf die Beats von “Homecoming” und “Niggaz in Paris”  trotz wenig Innovation eine profunde Show des ehemaligen Harcdcore-Bandmitglieds.

IMAGEAGENCY.com

IMAGEAGENCY.com

Das Außergewöhnliche am Splash Festival? Auch am Sonntag wird weitergefeiert  und zwar bis in die frühen Stunden des Montags wird dem Alltag gefrönt und HipHop in seinen musikalischen Facetten zelebriert. Beatboxer- und Freestyle-Contests kann man finden, aber wo sind die BBoys und -Girls? Zudem gibt es nur eine Wand für Sprayer, das Piece darauf ist aber dafür umso lebendiger: ein HipHop-Überraschungsei, aus dem viele Happy HipHoppers schlüpfen  eine witzige Idee.

Die musikalischen Gegebenheiten des Sonntags kurz zusammengefasst: Die Holländer Hardcore-Heads von Dope D.O.D. versetzen die hungrige Meute in einen Dauerpogerausch, Curse plädiert darauf, dass er nichts verkaufen und lediglich 45 Minuten Rap machen wolle und Gerard bringt nur Songs aus seinem kommenden Album “Blausicht”  auf Tracks aus seinen bisherigen Alben wartet man vergeblich. Auf der Freestyle-Bühne zeigen die Demograffics in einem exorbitant guten Set, wie man Leute unterhält, während die etwas unbeholferen “Wortakrobaten” auf der Freestyle-Bühne von ZDF.Kultur weder Flow-, Beat-, noch Technikgefühl besitzen. Interessant ist am sonntäglichen Nachmittag noch die Diskussionsrunde, in der über Battlerap debattiert wird. Eingeladen sind Falk, Prinz Pi, Weekend und 4Tune aus dem VBT sowie Drob Dynamic, mehrmaliger Gewinner bei Rap Am Mittwoch. Die Erkenntnisse dieser Runde: Mütter sind imaginäre Kunstfiguren, Battlerap puncht nur, wenn er auch nachvollziehbar ist und jede Minderheit hat ein Recht auf Beleidigung. Haben wir wieder was gelernt.

Bei über hundert Acts würde es jeglichen zeitlichen und lesezumutbaren Rahmen sprengen, würde man  was angesichts einer einzigen Akkreditierung gar nicht möglich ist  über alle Konzerte berichten. Allerdings sei noch gesagt, dass das Festival es trotz aller Bemühungen nicht geschafft hat, den kommerziellen Aspekt ein wenig zu verschleiern. Denn wenn man für ein Wasser genauso viel zahlt wie für 0,4 Liter Bier (nämich 3,50 Euro) und man für das Aufladen des Handys 15 Euro beiseite legen muss, dann steht hierbei wohl längst nicht mehr der kulturelle Gedanke im Vordergrund. In diesem Sinne kann man es mit den Worten Falks am besten beschreiben, der das Splash als eine HipHop-Messe definiert. Aber immerhin ist es eine aufregende.

Im Laufe der nächsten Wochen werden einige Konzerte vom Splash! von ZDF Kultur im Fernsehen sowie online ausgestrahlt.

Deine Message dazu: