Snoop Dogg und die Kunstfreiheit: „Lavender“ // Video

Für diesen Ausschnitt ist Snoop in öffentliche Kritik geraten
Für diesen Ausschnitt ist Snoop in öffentliche Kritik geraten

Nachdem Rapper wie Kodak Black oder Joey Bada$$ mit ihren Musikvideos bereits Richtung Südstaaten-Rednecks und Autoritäten-Schraubköpfen gezielt haben, legt nun Rap-Veteran Snoop Dogg nach. In gewohnter OG-Manier zeigt er im Video zum Nighfall-Remix des BADBADNOTGOODs-Tracks „Lavender“, dass mit ihm immer noch zu rechnen ist – trotz all der Jahre im Geschäft. Im Zentrum von „Lavender“, das Verweise auf sein frühes Werk „Doggfather“ beinhaltet, steht der Präsident einer Clownsarmada, die wohl eine Anspielung auf die fehlende Ernsthaftigkeit/Realness in den USA sein soll. Am Ende des Videos kommt es zum Eklat: Snoop zielt mit einer Spielzeug-Pistole auf den Kopf des Clown-Präsidenten, der eine Ähnlichkeit mit dem US-Präsidenten Donald Trump vorweist – und drückt ab. Auf Twitter wurde von Trump postwendend Empörung verlautbart. Provokation gelungen. Auch in den genannten Videos von Kodak Black und Joey Bada$$ spielen Schusswaffen eine Rolle, wobei Snoops Video durch seine comichafte Ästhetik ein deutliches Unterscheidungsmerkmal enthält. Der Einsatz von Gewaltszenen ist zudem keineswegs ein neues künstlerisches Mittel. Insbesondere nicht in Musikvideos – man erinnere sich nur an die kontrovers diskutierten Videos von Justice („Stress“) oder M.I.A. („Born Free“), beide vom Franzosen Romain Gavras gedreht und Szenen expliziter Gewalt aufweisend. So werden etwa in „Born Free“ rothaarige Personen von SWAT-Teams deportiert und umgebracht. Eine drastische Metapher, die Gavras verwendete. Auch Snoop Dogg spricht in seinem neuen Video das Thema Deportation an, wenngleich der direkte Akt nicht gezeigt wird. In „Lavender“ beschränkt sich der Bezug auf eine Mitteilung eines Nachrichtensprechers der Clowns, der während einer Sequenz die Deportation aller „Doggs“ – eine Anspielung auf Snoops Beinamen und vielleicht auch auf den geläufigen Slangbegriff im Allgemeinen – ankündigt.

Generell weisen die Gewaltdarstellungen in „Lavender“ einen stark satirischen Charakter auf. Snoop Dogg scheint eine tiefere Message übermitteln zu wollen, deren Stärke erst in der Verwendung einer bestimmten Metaphorik zur Geltung kommt. Zum Themenkomplex Gewalt hat Snoop Dogg schließlich ein ambivalentes Verhältnis: Hieß es zu Karrierebeginn „Murder was the Case“, zeigt sich der „Doggfather“ seit Jahren gar als Unterstützter einer Anti-Waffen-Petition, mit der Informationsarbeit über die Zusammenhänge zwischen Pensionsanlagen und der Waffenindustrie betrieben und ein Weg zum Ausstieg aus diesem Geschäftsmodell aufgezeigt wird. Nur eine Facette von vielen, die den Wandel Snoop Doggs vom Straßen-Thug zum familientauglichen Unterhalter bezeugt. Den alten Snoop Dogg konnte diesmal nicht einmal Donald Trump hervorbringen, der dem Rapper bescheinigte, ein untergehender Star zu sein – Meryl Streep kennt diese Anschuldigung von Trump bereits. Ähnlich wie die Schauspielerin reagierte auch Snoop Dogg, der den US-Präsidenten mit seiner noblen Zurückhaltung keinen Gefallen tat.

Wenig nachvollziehbar aus europäischer Sicht erscheint jedoch der Fokus der amerikanischen medialen Öffentlichkeit auf die Abschlussszene des Videos. Dass Snoop Dogg mit dem Video eigentlich nur den waffennärrischen Gesellschaftssegmenten der USA einen Spiegel hinhält, scheint unterzugehen. Eine Diskussion über die lasche Waffengesetzgebung ist vielmehr lediglich Beiwerk im Diskurs – Beiwerk zur Empörung über die Schussszene, die sogar zu Forderungen eines Verbots von Videos wie „Lavender“ führt. Aber dieser Schritt wäre ein radikaler Einschnitt in die künstlerische Freiheit. Und ein Kontrapunkt zum Selbstverständnis der Vereinigten Staaten als Avantgarde des demokratischen Westens. Der Effekt von Provokation in Kunst liegt in einer Anregung zum Nachdenken beim Rezipienten über gegenwärtige gesellschaftspolitische Umstände. Zumindest die Erfüllung jener Aufgabe ist Snoop Dogg mit „Lavender“ gelungen.

Früher standen sich Donald Trump und Snoop Dogg auch einmal näher – zum Beispiel, als Snoop zu „Donald’s Roast“ auf Comedy Central eingeladen war, wo er einige Male einstecken musste:

Donald says he wants to be president and move on into the White House. Why not? It wouldn’t be the first time he pushed a black family out of their home.

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