Skero Interview: „Angst war schon immer der Motor, um in die falsche Richtung zu fahren!“

Skero - Alexander Gotter _DSC4686-Bearbeitet

Nach einem kurzen Ausflug mit der Müßig Gang in die Welt des Wienerliedes kehrt Skero ins Rapgeschäft zurück. „Vom 16er Blech zum Dom Pérignon“ lautet die Devise. Obwohl: Ganz so sieht es bei dem langjährigen, ehemaligen Texta-Rapper dann doch nicht aus. Nichtsdestotrotz hat er sich mit seinem konstanten Schaffen, sowohl mit Texta als auch solo, einen fixen Platz in der österreichischen HipHop-Geschichte gemeißelt. Nun kam sein zweites Solo-Album und Fortsetzung der „Memoiren eines Riesen“, „Der Riese im Glashaus“, auf den Markt. Ein Album, auf dem nachdenkliche Töne und punchlinelastige Tracks sich die Hände reichen. Die Live-Präsentation erfolgte standesgemäß zeitnah zum Release auf dem Donauinselfest. Wir haben den Riesen getroffen – zwar nicht im Glashaus, aber auf seinem Balkon in Wien. Heraus kam ein sommerlicher Plausch über die FPÖ, die NSA-Affäre und die Proteststimmung eines Riesen.

Video: Alex Gotter & Nedim Huscic
Schnitt: Dikran Telfeyan
Interview: Jérémie Machto

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The Message: Du hast letztens einen Graffiti-Workshop für Kinder gemacht. Wie war das?
Skero: Jo, eh ganz lustig.

Hast du vor, das vermehrt zu machen?
Ich mache immer wieder Workshops, aber ich mach’s ned gern. Eher selten. Weil ich finde, HipHop ist eine Kultur, die so angelegt ist, dass jeder leicht mitmachen kann, ohne große finanzielle Mittel zu brauchen. Einfach ausprobieren. Ich bin nicht wirklich überzeugt, dass die Leute das bei einem Workshop lernen. Die meisten wollen’s einfach nur kurz mal ausprobieren und machen dann nie wieder was. Aber es ist okay. Ich mach’s und freue mich, wenn was dabei rauskommt.

Geht es nicht darum, die HipHop-Werte zu vermitteln? Mit Graffiti-Workshop, Rap (womit das Tanzen eng verbunden ist) und der Tatsache, dass dir auch Cuts sehr wichtig sind.
Na, ned unbedingt. Natürlich sind mir dir HipHop-Sachen wichtig, aber ich drück’s jetzt nicht den anderen andauernd auf’s Aug.

Du hast in einem freizeit-Interview, zum damaligen Wienerlied-Album, gesagt: „Traditionspflege hat noch nie etwas gebracht“. Wie ist das bei Rap?
HipHop ist für mich nie eine Konstante gewesen. Diese Leute, die dann sagen: „In den 90er-Jahren war HipHop so leiwand und der Rest ist voll scheiße“, die dann wahrscheinlich Ende der Neunziger geboren sind. Na. HipHop ist eine sich ständig umformende Kultur. Und manchmal geht’s bissl mehr in die Gangsta-Schiene, manchmal Conscious und dann wieder in eine andere Richtung, mit mehr Drogen-Rap und so weiter. Und das finde ich leiwand an HipHop. Dass es nie eine Konstante ist und sich eigentlich ständig weiterentwickelt. Eben durch die Samples oder wie jetzt dadurch, dass man nicht mehr samplen darf und wieder mehr auf Elektronisches zurückgreift. Und ich versuche auf meinen Alben die verschiedenen Formen von HipHop zu repräsentieren, die mir taugen. Auf dem Album (Der Riese im Glashaus, Anm.) ist wieder mehr Westcoast- oder Camp Lo-Style. Die habe ich immer extrem super gefunden, weil die einen ganz eigenen Style haben. Mir taugt einfach Stilvielfalt.

Was ist für dich gerade so interessant, mit Hinblick darauf, dass sich eben HipHop ständig verändert?
Also Trap ist sicher ein Thema. Ich war beim Danny Brown-Gig, ich finde das schon geil. Weil es mich sehr stark daran erinnert, wie das erste Beastie Boys-Album („Licensed to Ill“, Anm.) geklungen hat. Eben so straight 808-Sounds, die knüppelhart daherkommen. Aber dieser Trend ist schon wieder ein bisschen vorbei, glaube ich.

Auf dem Album sind sehr vielversprechende Nachwuchsrapper vertreten wie Crack Ignaz oder Monobrother. Wie siehst du im Hinblick darauf die Zukunft von österreichischem Rap?
Der Monobrother ist auf jeden Fall ein sehr leiwander Lichtblick. Der taugt mir sehr. Ich wollte ja eigentlich auch was mit dem Demolux machen, da haben wir sogar eine Nummer aufgenommen. Aber wir waren dann beide nicht ganz zufrieden mit dem Thema und so ist dann doch nichts draus geworden. Aber ich finde es gibt viele Nachwuchsleute und bin gespannt, was da noch kommt. Gibt sicher noch einige, die in den Startlöchern sind und die ich noch nicht kenne.

Verfolgst du Live-Battles?
Ich schau mir das gern an. Ich feier auf jeden Fall „Rap Am Mittwoch„, das taugt mir sehr. Aber ich  bin selber kein Freestyler und auch schon zu alt, um mich mit anderen MCs gegenseitig auszugreifen, das langweilt mich (lacht). Ich hab andere Themen, die mich wütend machen und Rap ist meiner Meinung nach eine Aggressionsbewältigungsmusik. Deswegen rap ich auch über Sachen, die mich sauer machen. Ich bin eigentlich cool mit allen anderen MCs und freu mich über jeden, der etwas Kreatives macht.

Worauf bezieht sich das „lyrische Du“, wenn du Battletexte schreibst? Zum Beispiel im Intro vom Album.
Kommt da was vor? Ich weiß gar nicht … Achso ja, das ist bisschen angriffig. Aber an und für sich ist das Album ein Battlerap-Album gegen die Welt, nicht gegen andere MCs. Das ist mir zu spezifisch. Da gibt es viele andere Sachen, die interessanter sind.

Zu diesen „interessanteren Sachen“ äußerst du dich z.B. in „Stur“. Dort sprichst du auch die NSA-Problematik an. Wo ist die Grenze zwischen Paranoia und realem Verlangen, seine Daten zu schützen?
Das weiß man nicht. Aber ich bin nicht verwundert darüber, dass es so viel Überwachung gibt und die Geheimdienste unsere Daten sammeln. Gerade die NSA, da wird so viel Geld reingepumpt. Natürlich haben die riesige Server und sammeln jeden Scheißdreck, den sie finden können. Das wird in Wirklichkeit aber nichts nutzen, weil sie erst im Nachhinein Sachen beweisen können. Im Vorhinein irgendwelche Sachen feststellen und dagegen arbeiten, funktioniert eher weniger. Das ist in Wahrheit nur Paranoia und ich glaube, die Leute dürfen sich selbst nicht so paranoid machen. Weil was sollen’s machen? Sollen sie Daten sammeln, bis ihnen die Server zerplatzen!

Bist du selbst vorsichtiger geworden, was du postest?
Also ich bin nicht einer, der auf Facebook sehr viele private Fotos postet. Ich bin schon ein bisschen vorsichtig, aber das war schon immer so.

Das hängt jetzt nicht damit zusammen?
Na na, überhaupt nicht. Davon bin ich eigentlich schon vor der NSA-Sache ausgegangen. Aber in „Stur“ geht es eigentlich darum, wie diese Organisationen agieren. Dass sie überwachen, es aber absichtlich verleugnen. Ich find’s okay, dass ein Geheimdienst solche Sachen macht, aber dann muss man halt auch dazu stehen und sagen: „Ja, wir machen das! Seid’s euch darüber im Klaren! Es soll ja zu eurem Schutz sein.“ Dann müssten sie sich  nicht verstecken. Aber es geht in „Stur“ nicht nur um FBI oder NSA, sondern auch um die Haltung gewisser Organisationen und um Leute, die zwar Geld für zehn Leben haben, aber trotzdem immer noch mehr wollen. Die sich einfach über den Rest der Gesellschaft hinwegheben und  sagen: „Wir sind jetzt die bessere Klasse. Wir haben so viel Geld, wir können uns alles leisten und stellen uns über euch.“ Aber Kapital ist nicht etwas, das einfach so entsteht, sondern Kapital sind wir alle. Wir machen das Kapital und andere Leute bereichern sich dran, ohne einen Finger zu rühren. Das kann und darf auf Dauer nicht funktionieren.. Korruption ist nichts Neues, das gibt’s so lange wie Prostitution. Oder vielleicht sogar noch früher, sobald es Geld gegeben hat. Heutzutage werden die Leute nur aufmerksamer darauf.

In „Verkehrt“ sagst du „Vielleicht läuft alles falsch oder genau wie’s ghert“. Kannst du das auf dein Leben bzw. deine Karriere umlegen?
Es gibt sicher oft Situationen im Leben, wo man sich denkt: „Das ist jetzt alles scheiße glaufen.“ Oft muss man auch nur aus dem, was da schlecht gelaufen ist, was Leiwandes drahen. Oder es ergibt sich was. Also mir passiert’s oft so. Ich bin dann ein Mensch, der aus Zufall irgendwas bastelt und versucht was Leiwandes draus zu machen. Oder es wird automatisch was Leiwandes.

Die Kehrseite dazu wäre dann der „Wien Suizid“.
Joa (lacht).

Du bist ein großer Wien-Fan. Welche Seiten schätzt du an der Stadt?
Diese ganze Gründerzeit-Architektur taugt mir schon sehr. Ich find auch den Vibe in der Stadt  leiwand – bis auf die Grantler oder die Leute, die glauben, es ist cool „gschissen“ zu allen anderen zu sein. Ich fühl mich aber wohl hier und im Prinzip ist „Wien Suizid“ die Fortsetzung von „Wien“ aus dem letzten Album (Anm: „Memoiren eines Riesen„). Da war es die romantisch-verklärte Version und „Wien Suizid“ ist die Grantlerseite. Übertrieben formuliert. Und die Todessehnsucht, die komischerweise in Wien immer vorherrscht, dieses Morbide.

Warum ist das so?
Pfff … das weiß ich nicht! Aber jede Stadt steht für irgendwas und Wien steht fürs „Owezahren“, die Todessehnsucht, das Langsame und Beschauliche, Verträumte. Keine Ahnung, wo das genau herkommt.

Dieses „Owezahren“ steht wiederum im Gegensatz zum Track „Hudeln“. Wie ist hier der Zusammenhang?
Hudeln“ hat jetzt wenig mit Wien zu tun. Das ist einfach ein allgemeines Phänomen. Wir hetzen alle durch die Gegend und nehmen uns wenig Zeit für die wichtigen Dinge. Mir passiert’s selber auch, dass ich sehr viel Zeit verplempere mit Sachen, die gar nicht so wichtig sind. Anstatt mich zum Beispiel mehr um mein Kind zu kümmern. Dessen muss man sich  immer  bewusst sein, sich das vor Augen halten und einfach oft den Fuß ein bisschen vom Gas nehmen.

Kann man die Gegensätze zwischen den Nummern auf dem Album als Metapher dafür sehen, dass es immer eine Kehrseite der Medaille gibt, mit dem „Plastic Bottle Beach“ auf der einen Seite und dem „L Funk“ oder „Dekadenz“ auf der anderen Seite?
Ja, beim letzten Album hat sich das auch schon durchgezogen. Ich sehe meine Alben ein bisschen wie eine Oper, wo alles vorkommt, von dramatischen Momenten bis Abfeiern. Was es halt im Leben so gibt. Liebe, Leidenschaft, Tod, Krieg. Ich bin auch kein einfältiger Mensch, der sich nur für eine Geschichte interessiert und immer gleich ist, sondern bin sehr vielseitig. Und das spiegelt sich in meiner Musik wieder. Mir sind Alben wichtig und ich möchte daher immer auch einen schönen Bogen im Album haben. Also ich mach eigentlich nur Nummer, Nummer, Nummer und dann am Schluss schaue ich mir an, wie ich die alle anordnen kann, damit es einen schönen Bogen ergibt. Das macht dann auch das Album aus. Am Schluss schaue ich dann schon noch, was mir fehlt, und überlege mir, was es noch braucht. Ich habe auch bei den Instrumentals darauf geachtet, dass die Zusammenarbeit mit der Blasmusikkapelle cool umzusetzen ist. Das habe ich am Donauinselfest mal ausprobiert. Macht mir auf jeden Fall Spaß, bei größeren Festivals möchte ich das auch weiterhin so machen.

Weil du gerade das Donauinselfest ansprichst: Wie ordnest du die Tatsache ein, dass mit dir und Nazar am Freitag zwei österreichische Headliner ausgewählt wurden? Ist das Zufall oder ein Schritt in die richtige Richtung, in der österreichischer Musik mehr Respekt gezollt wird?
Ich würd’s mir wünschen. Es ist leider so, dass bei den großen Festivals die österreichischen Acts entweder gar nicht vorhanden sind oder im allerkleinsten Zelt um 13 Uhr spielen. Das ist halt das fehlende Selbstbewusstsein in Österreich. So nach dem Motto „Was aus Österreich kommt ist nicht viel wert“, außer es kommt von Deutschland wieder rein nach Österreich. Ich finde es gibt sehr viele gute Acts und  keinen Grund, da nicht selbstbewusst zu sein und die Sachen im Radio zu spielen und auf Festivals zu promoten. Auf den deutschen Festivals spielen schließlich auch überall deutsche Acts und Hauptacts.

Du hast auf „Tribe Vibes“ eine Art Mixtape angekündigt. Was können wir  erwarten?
Ich habe noch genug Tracks für ein Gratis-Mixtape. Aber jetzt schau ich mal, wie gut das Ding rennt. Ich habe sehr viele Tracks für das Album aufgenommen und noch einiges in petto, was aus diversen Gründen nicht den Sprung aufs Album geschafft hat. Also vielleicht mache ich da noch was.

Und wann fährst du mit dem Guglhupf-Lowrider vor?
(lacht) Der kommt, glaub ich, nie. Das Skit ist eben auch die Fortsetzung vom Skit vom letzten Album. Da gibt’s ja den „Dookie Rope Chain Skit“ und bei dem Album hat sich‘s eben auch angeboten, dass vor der Westcoast-Nummer zu machen. Und mit dem JoeJoe ist es  super,  funktioniert einfach immer. War ursprünglich eine 12-Minuten-Version, die dann auf zwei Minuten gekürzt wurde.

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