“Punchcount = ∞” // Regular Bars #9

Illustration: I Linh Nguyen

Im Battle-Rap tut sich einiges. Während sich das gegenseitige Duellieren mit Wörtern (dessen Wurzeln sich zum Beispiel mit dem “Dozens“-Spiel tief in die afrikanische Kultur verfolgen lassen) im englischsprachigen Raum mit Ligen wie King of the Dot, Don’t Flop und natürlich URL weitgehend etabliert hat, steckt er im deutschsprachigen Raum noch in den Kinderschuhen. Aber DLTLLY (Don’t Let The Label Label You, Anm.) und Rap am Mittwoch erfreuen sich steigender Besucher- und Klickzahlen und auch in Wien existieren mit Dreistil und Rap im Beisl Ligen, die diese Schiene fahren. Jeder Battle-Rap Fan wird bestätigen können, dass das ein sehr zeitaufwendiges Hobby ist, die Battles dauern selten kürzer als 20 Minuten. Und auch wenn sich viele Battles einen eigenen Eintrag verdient haben, kann es sehr praktisch sein, regelmäßig zu wissen, was sich so getan hat, welche Battles veröffentlicht wurden und welche noch anstehen. Dafür gibt es die Reihe Regular Bars!

Disclaimer: Achtung! Dieser Artikel kann Spoiler und Spuren von Meinung enthalten!

Bei Dreistil stand traditionell für die Frühjahrs-Saison hoher Besuch an: Ssynic war wieder da. Und dieser hatte neben seinem A capella vs. Flowbird auch Hunger auf den Freestyle-Bewerb. Gehostet von Cihan bekam das ganze Event einen kleinen RAM-Touch, bei dem selbst der große Ssynic gegen Gegner wie EinfachSo (im Halbfinale) oder Toast4Me (im Finale) stellenweise ins Wanken kam (im Finale bin ich sogar der Meinung, dass Toasts Punchcount höher lag). Im A capella wurde der Unterschied etwas klarer, Flowbirds Angles zündeten gegen einen routinierten, aber im Sparmodus auftretenden Ssynic leider kaum. Der Schmäh war aber jedenfalls auf seiner Seite und seine dritte Runde war für mich ein richtiges Highlight. Was das Battle auch zeigte: Dreistil ist nun Medien wie hiphop.de kein Fremdbegriff mehr. Auch wenn das Battle natürlich nur wegen Ssynics Namen geteilt wurde, kann man davon ausgehen, dass zukünftig herausragende Battles auch einen Platz in der Berichterstattung finden könnten. Also step your game up, ihr Maden.

Weitere Fotos von RAM in Wien am Ende dieses Artikels.

Der Besuch von Ssynic und Cihan in Wien war nicht das einzige Erscheinen von RAM in Wien: Wie letztes Mal schon erwähnt, veranstalteten sie auch eine ganz offizielle Cypher in der Grellen Forelle. Mittlerweile kann man sich auch endlich online ein Bild davon machen. Videos zeigen eine verhältnismäßig gute Battlemania, aber vor allem eine richtig gut aufgelegte Wiener Crowd, die bis zum Ende viel Stimmung macht. Jetzt könnte man diskutieren, ob die Wiener Crowd einfach genügsamer ist oder einfacher zufriedenzustellen? Der Anspruch ist wohl tatsächlich nicht besonders hoch, aber solange die Stimmung gut ist, ist es eigentlich egal. Solche Details können frühestens dann diskutiert werden, wenn das Niveau der MCs auch hier stimmt. Wermutstropfen ist, dass Toast schon in der Vorrunde den Stärksten im Feld bekommt und sein Konter- und Freestylegame nicht länger unter Beweis stellen konnte (außerdem war ich auf seine Textrunde gespannt).

Im BMCL traten sich Tobi Nice und Krom gegenüber. Während Tobi Nice offenbar nun endgültig die „Conscious“-Schiene gewählt hat (und damit die Wiener Crowd sehr gut unter Kontrolle hat), schlägt sich Krom für sein erstes BMCL-Match eigentlich ganz gut. Er hat paar treffende Punkte, ihm fehlen nur die Punchlines.

Bei DLTLLY war natürlich wieder ordentlich was los (und mit all den Battles, die schon gemacht oder angekündigt wurden, wäre das auch bei einem kompletten Ausfall des gesamten Teams noch zwei bis drei Monate gewährleistet). Die größte Aufmerksamkeit wurde aber durch eine Diskussion hervorgerufen, die bisher nur battlerapintern für Gesprächsstoff sorgte. Das Battle zwischen Pilz vs. Nedal Nib rief diesmal aber leider auch Ahnungslose auf den Plan, um ihre Meinung zu Grenzen im Battle-Rap (eine Kunstform, die sie offensichtlich nicht verstehen und nicht verstehen wollen) zu äußern. Das ging von Privatpersonen über Künstler wie Soufian und diverse HipHop-Medien, die durch aus dem Zusammenhang gerissene Ausschnitte aus dem Battle ihre Reichweite steigern wollten. Alles #ehrenmänner (und -frauen). Selbst die taz mischte mit. Yay … Es ist schon viel zu viel darüber gesagt und argumentiert worden, deshalb lasse ich das hier. S/o an jeden mit gesundem Menschenverstand, der die absolute Unnötigkeit dieser Debatte checkt. Und an den Rest: Lasst diese Kunstform in Ruhe und lebt eure Minderwertigkeit woanders aus.

Neben diesem Internet-Kreuzzug (pun aber sowas von intended!) gab es natürlich einen Haufen Battles zu bestaunen. Eben das Battle zwischen Nedal Nib und Pilz, das nicht nur von der Diskussion, sondern auch von einem nicht-mehrheitsfähigem Judging überschattet wurde. Abgesehen davon ist das Battle auf jeden Fall ein Meilenstein, da die zwei Geschlechter sich im deutschsprachigen Raum noch nie so hochqualitativ in einem Written-Battle beschimpft haben. Der Champ macht vieles richtig, ist mit seinen Angles deutlich kreativer als seine Kontrahentin und trotzt einer Crowd, die auf keinen Fall auf seiner Seite ist. Aber gut, Judgings sind eh wurscht.

Und dann gibt’s noch sooo viel anderes, was erwähnenswert wäre, aber begrenzen wir uns mal auf die Battles, die schon draußen sind. Das sind hauptsächlich Matches aus der NRW-Session, die alle sehenswert sind und einige Highlights beinhalten. Deshalb hier als Liste:

Fabiga vs. Four Seven: Die Judges sprechen mir aus der Seele, auch wenn ich finde, dass Four Seven schon teilweise deutlich treffender war als Fabiga. Aber wie schon gesagt, ist da auch viel Müll dabei, umso überraschter bin ich immer, wenn dann eine richtig gute Line von ihm kommt. Fabiga ist wie immer on Point, die Intensität flacht aber manchmal etwas ab.

Barracuda vs. Mavgic ist ein klarer Body-Bag: Mavgic extrem sympathisch, extrem witzig und noch wichtiger: treffend. Wie Barracuda ihm ins Messer läuft, ist tragisch und fatal. Da hilft ihm leider auch nicht seine Delivery, die ich in seinem ersten DLTLLY-Match richtig geil fand, nun aber auch mit Inhalt gefüttert werden muss. Die Einzigartigkeit des Styles von Mavgic ist ein eigener Punkt: sehr erfrischend, bitte mehr!

Tobi Nice vs. Notyzze: Aufeinandertreffen von zwei Flow-Monstern und zwei der wenigen richtigen MCs im Battle-Rap. Notyzze ist leider etwas unsicher, aber hat wieder ordentlich Bars am Start (und leider wieder bisschen corny Zeug). Conscious-Tobi spielt wieder Unconscious-Tobi (oder spielt Unconscious-Tobi immer nur den Conscious-Tobi?!) und bringt neben einigen guten Angles auch Freundinnen-Lines (obwohl er sagt ja, dass er sie nicht bringt. Sind die dann außer Kraft gesetzt, wenn er das sagt?). In der dritten Runde wird sein Angle so persönlich, dass sein Gegenüber so enttäuscht, dass er das nicht einmal zu verstecken versucht. So richtig menschliche Enttäuschung. Habe ich lang nicht mehr in einem Battle gesehen. Nett.

VT vs. Vyrus: In diesem Battle beweist für mich VT, dass er das beste Pen-Game der Liga bzw. des deutschsprachigen Raums hat. Das heißt bei weitem nicht, dass er der beste Battle-Rapper ist, sondern einfach nur, dass er unglaublich gut schreiben kann. Diese Fähigkeit ist jedoch Segen und Fluch zugleich: An den richtigen Stellen und in gewissen Dosen ist so ein Stift ein tödliches Instrument. Wenn man es damit aber übertreibt, kann es schnell seine Kraft verlieren und corny werden. VT beherrscht das gut, aber meiner Meinung noch nicht perfekt. Seine erste Runde ist gespickt mit Lines zum Rewinden und Rewinden und Rewinden! Fast schon zu viel.

Während wir im deutschsprachigen Raum gerade erst angefangen haben, über Titel im Battle-Rap zu sprechen (auch der RAM-Titelträger wird am 7. Juni zwischen Mighty Mo und Ssynic ausgemacht) und Wörter wie Title-Match, -Shot, -Contender, etc… durch den Raum zu kreischen, machen das die Amis, Kanadier und Briten schon seit geraumer Zeit. Bei den beiden Ligen KOTD und Don’t Flop standen vor Kurzem die  jeweiligen Title-Matches an.

Bei KOTD wurde schon allein die Begegnung zwischen Head I.C.E. und Rone heiß diskutiert und auch das Ergebnis ist für viele unverständlich bis skandalös. Das Match an sich wird jedenfalls nicht als besonderer Classic in die Geschichte eingehen, geben sollte man es sich trotzdem.

Bei Don’t Flop gab es gleich zwei Titel zu vergeben: Wie beim vorigen Mal schon erwähnt, kamen Shuffle-T & Marlo nach längerer 2on2-Abstinenz zurück, um ihren Double-Title zu verteidigen. Herausforderer waren P Solja & Matter. Für jeden Kenner eine ziemlich klare Angelegenheit. Und eine sehr witzige.

Der weitaus wichtigere Titel ist natürlich der des einzelnen Don’t-Flop-Champions, den Soul nun schon seit einiger Zeit trägt und dreimal erfolgreich verteidigt hat. Sein wohl stärkser Contender bis hierher ist nun Shox The Rebel. Das Video ist vorerst nur im PPV erhältlich, wird aber bald auf YouTube erscheinen. Eines vorweg: Punchcount = ∞.

Bei all dem Titel-Gelabber ist noch einzubringen, dass bei DLTLLY ebenfalls die nächste Phase eingeleitet wird: Robscure und Lyrico werden sich im ersten offiziellen Title-Contender-Match darum battlen, wer als Nächstes gegen Nedal Nib um den Titel kämpfen wird. Das Ganze steigt im Berliner Lido, am 13. Mai.

Fotos von Rap am Mittwoch in der Grellen Forelle von Daniel Shaked:

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