Regular Bars #3 // Battle-Rap

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Illustration: Florian Appelt

In der Parallelgesellschaft Battle-Rap tut sich einiges. Während sich das gegenseitige Duellieren mit Wörtern (dessen Wurzeln sich z. B. mit dem “Dozens“-Spiel tief in die afrikanische Kultur verfolgen lassen) im englischsprachigen Raum mit Ligen wie King of the Dot, Don’t Flop und natürlich URL weitgehend etabliert hat, steckt er im deutschsprachigen Raum noch in den Kinderschuhen. Aber DLTLLY (Don’t Let The Label Label You, Anm.) und Rap am Mittwoch erfreuen sich steigender Besucher- und Klickzahlen und auch in Wien existieren mit Dreistil und Battle To The Top Ligen, die diese Schiene fahren. Jeder Battle-Rap Fan wird bestätigen können, dass das ein sehr zeitaufwendiges Hobby ist, die Battles dauern selten kürzer als 20 Minuten. Und auch wenn viele Battles sich einen eigenen Eintrag verdient hätten, kann es sehr praktisch sein, regelmäßig zu wissen, was sich so getan hat, welche Battles veröffentlicht wurden und welche noch anstehen. Dafür gibt es die Reihe Regular Bars!

Disclaimer: Achtung! Dieser Artikel kann Spoiler und Spuren von Meinung enthalten!

Vorab muss gesagt werden, dass sich die vergangenen zwei Monate so viel wie selten getan hat: DLTLLY haute ein dopes Battle nach dem anderen raus, Rap Am Mittwoch kam aus der Flautephase wieder heraus und bot sowohl in München, als auch in Berlin unterhaltsame Battlemanias, URL kam auf den Geschmack von 2on2s, King of the Dot hielt sein Back to Basics 4 ab und kündigte weitere hochkarätige Battles an und bei Don’t Flop wurde wie gewohnt ununterbrochen gehackelt, hochgeladen und angekündigt. Kurz: Es ist kaum möglich, hier alle Battles zu erwähnen, die in den vergangenen Wochen stattgefunden haben, sollten wir also ein wichtiges vergessen haben, könnt ihr uns gerne darauf hinweisen!

Wie schon in der letzten Ausgabe berichtet, bot das März-Event von Dreistil zwei interessante A-capella-Battles. Rückblickend kann man sagen, dass die Erwartungen nicht unbedingt übertroffen wurden, unterhaltsam war es allemal. Eines der Battles, nämlich das überfällige Barbee vs. Fate, ist mit einem Wort zu beschreiben, welches im Battle-Rap für vernichtende Niederlagen/Siege — 3:0 in Runden — benutzt wird: Bodybag. Während Fate nur knapp eineinhalb Runden spittete, zerlegte Barbee den Innsbrucker in seine Einzelteile. Videotechnisch drehen die Räder bei Dreistil mittlerweile auch etwas schneller und so kann man seit ein paar Wochen die A capellas auf deren YouTube-Kanal nachsehen.

Auch das zweite A capella des Abends gibt es schon als Video. Dort haben sich Mighty P aus Berlin und MCL gemessen. Das Battle war zwar unterhaltsam, jedoch könnte sich MCL — vor allem bei seinem Talent — etwas weniger auf Tote, Nazis, P-Zak und etwas mehr auf treffende Punchlines konzentrieren (ist ja nicht so, als ob Mighty P keine Angriffsfläche bieten würde). So wird das Battle eher zu einem Messen der Schicksalsschläge als ein Messen auf lyrischer Ebene. Das Tratschen des Publikums bei den A capellas muss aber in Zukunft wirklich unter Kontrolle gebracht werden. Es kann nicht sein, dass Leute zu den Battles kommen, um dann ganz gemütlich zu plaudern, oder noch schlimmer: die Rapper auszubuhen. Sollte sich das unter den deutschen Kollegen rumsprechen, werden Gastauftritte wie dieser wohl zur Seltenheit werden. Neben dem A-capella-Battle holte sich Mighty P übrigens auch den Sieg im Freestyle-Bewerb. Im Finale wies er den wieder sehr unterhaltsamen Toast in die Schranken, der von Anfang an darauf gehofft hatte, gegen Mighty P im Finale anzutreten (anscheinend war es sogar Toast, der Mighty P überhaupt eingeschrieben hat #Gossip). Die nächsten Dreistil-Veranstaltungen sind geprägt von mehr oder weniger hohem Besuch aus Berlin: Am 28. April trifft MC Maik auf MFGen, der sich als richtiger Workaholic entpuppt. Vor ein paar Wochen bei DLTLLY gebattlet, jetzt MC Maik und in einem Monat (am 20. Mai) trifft er bei der 2-Jahres-Feier von Dreistil auf Ssynic!

Eine große Ankündigung für Wiener Battle-Rap Fans machte auch DLTLLY dieser Tage: Die Liga kommt am 3. Juni nach Wien ins Loft! „Mit der Unterstützung der Kollegen von Dreistil präsentieren wir euch ab 17 Uhr 5-6 Acapella-Written-Battles @ The Loft“, heißt es in der Facebook-Veranstaltung. Man darf gespannt sein, wen DLTLLY da mitnimmt, spannende „Österreich vs. Deutschland“-Battles wird es sicher geben. Sonst hat man bei DLTLLY — bis auf das medial ungewohnt groß aufbereitete Main-Event Bong Teggy vs. Nedal Nib — in letzter Zeit kaum auf große Namen gesetzt. Aber wer braucht schon große Namen, wenn es im „Nachwuchs“ Leute wie Robscure (vs. Indoor Stan), Marc Zufall (vs. Muro) oder den Newcomer Schalle (vs. Aladin) gibt. Drei richtig gute Battles mit ordentlich Bars und äußerst kreativen und erfrischenden Herangehensweisen. Dank ihrer ebenfalls mehr oder weniger guten Gegner konnte man in letzter Zeit durchwegs gute Battles bei DLTLLY bestaunen. Auch der Newcomer Cleptomanik überraschte viele bei seinem Debüt: In seinem allerersten Battle seine allererste Runde SO zu delivern, fordert schon ordentlich Cojones. Überhaupt läuft bei DLTLLY gerade scheinbar alles so rund, dass sogar Chokes richtig unterhaltsam werden, wie HIER (warten bis 11:15) bei Dirtysanchez‘ zweiter Runde („es geht um Hitler…“). Lachkick! Und weil Robscure nicht nur einer der Besten von den „Neuen“ ist, sondern offenbar auch recht produktiv, ist vor Kurzem sein Battle gegen BX (der dem lokalen Dreistil schon einen Besuch abgestattet hat vs. ARL) veröffentlicht worden. Ein durchaus ansehnliches Match, in dem beide Kontrahenten durchgehend gut abliefern und BX in seinen Filler-Lines schon mehr gute Wie-Vergleiche als andere in ganzen Battles haben.

Indes hat Rap Am Mittwoch wieder die erhoffte (und erwartete) Kurve gekriegt! Sowohl in Münster als auch in Berlin waren die Battlemanias wieder unterhaltsam. In Münster traf Ben Salomo bei seinem Comeback als Moderator den Nagel auf den Kopf: „Echt gute Jungs hier, Alter!“ Und was für Jungs: Mit der Entdeckung von Barracuda gab es eine regelrechte Offenbarung. Top-Bars wie „Bitte geh jetzt von der Stage hier und bauspar mal lieber/ Du bist Offbeat. Timing ist nicht die Hautpstadt von China“ Zucker!) bescheren dem Publikum eines der besten Battlemania-Finalen überhaupt. Und auch Ji-Zin liefert extrem gute Konter und haut amtliche Lines raus! Da ist es kein Wunder, dass Barracuda schnell sein erstes BMCL-Angebot bekommt: Am 18. Mai trifft er in Heidelberg auf Yarambo. Ein sehr interessantes Match-up!

In Berlin bot Finch seine beste Leistung bisher, doch musste er dem Titelverteidiger (verdient, wenn man vom entscheidenden Schlagabtausch ausgeht) in einem spannendenen Finale schlussendlich den Sieg einräumen. Auch die BMCL-Matches wurden den Erwartungen gerecht, vor allem das Match zwischen dem sympathischen Lyrico und Tobi Nice. Gutes Match-up zwischen zwei Battle-Rappern, die das Ganze ernst nehmen und auch etwas davon verstehen. Vielleicht etwas zu anspruchsvoll für die Crowd von Rap Am Mittwoch an diesem Abend, aber durchaus unterhaltsam. Aber auch das (logische) BMCL-Debüt von Vyrus gegen Ali Affront ist durchaus sehenswert.

Ebenfalls sehr interessant ist eine angekündigte Doku zum Thema Battle-Rap in Deutschland. „Battleground Germany“ heißt der Film, der mit den wichtigsten Akteuren aus den beiden Ligen spricht und Größen der Szene wie Damion Davis, Tierstar, Fresh Polakke und viele mehr interviewt. Der Regisseur Julian Schöneich zeichnet den Ablauf von Veranstaltungen nach und führt (dem Trailer nach zu urteilen) mit den Interviewten Grundsatzdiskussionen des Battle-Rap: Wo ist die Grenze, was darf man, wie nützlich sind Images? Auf jeden Fall sehr interessant und erfreulich, dass sich jemand die Mühe gibt und sich mit der Materie in dieser Form auseinandersetzt.

Bei King of the Dot will man in Zukunft auf Qualität statt auf Quantität setzen. So wird es kaum mehr Events geben, bei denen mehr als vier bis fünf Battles stattfinden. Die erste Umsetzung dieses Konzepts konnte bei „Back to Basics 4 at the Bunker“ beobachtet werden. Die Videos davon kommen bald, aber freuen kann man sich auf jeden Fall schon auf den Clash of Styles zwischen Carter Deems und Head I.C.E. (durchgedrehter Katzentyp gegen O.G.). Beide battleten auch beim vorigen Event „Blackout 6ix“: Carter Deems gegen Chedda Cheese in einem höchst amüsanten Nerd-Battle und Head I.C.E. gegen Arsonal im ultimativen Showdown zwischen zwei der authentischten „Gangster“ der Battle-Szene. Blackout 6ix bot auch ein sehr spannendes Battle zwischen den beiden wohl stärksten Newcomern im amerikanischen Raum: Gjonaj und Psycoses. Die beiden machten dem Slogan von King of the Dot alle Ehre („Put your money were your mouth is“), indem sie 2000 US-Dollar jeweils auf ihren Sieg in den Pot warfen.

Als ob das alles nicht genug wäre, wurden auch die Battles für „Massacre 2“ angekündigt. King of the Dot postete dazu: „5 battles that could main event on their own!!” (absolut abnormale Match-ups). Wie gesagt: Qualität statt Quantität.

Diesen Spruch hat sich Don’t Flop eher weniger auf die Fahne geschrieben. Konstant kommen neue mehr oder wenige gute Battles raus, es werden neue angekündigt und auch begleitende Videos und Diskussionsrunden gedroppt. Die freshesten Battles der letzten Wochen waren sicher O’Shea vs. MyVerse (die gleich zweimal an dem Abend battlete), Cojay gegen Unanymous und das sehr einseitige Freestyle-Battle zwischen DNA und Pedro, in dem DNA seine absurd-guten Improvisations-Skills wieder mal aufblitzen lässt (und ja Pedro ist einfach nur … Pedro). Besonders witzig (und für mich eines der amüsantesten Battles in letzter Zeit): Shuffle T vs. Heretic, die zwei Sarkasmus-Kanonen der britischen Liga. Während Shuffle T ein etablierter Battle-Rapper ist (meistens im Team mit seinem „partner in crime“ Marlo), den seine Reimketten und schauspielerischen Talente auch schon auf die Bühne von King of the Dot brachten, ist Heretic das „next big thing“ (so wird es zumindest postuliert) im britischen Battle-Rap. Interessant macht das Battle die ähnliche Delivery der beiden und natürlich auch die Tatsache, dass Heretic vorgeworfen wird, Shuffle Ts Style zu kopieren. Absolutes Highlight ist für mich die zweite Runde von Shuffle T (wobei er im Interview selbst sagt, dass er sehr unsicher war, ob sie ankommen würde), in der er Storytelling als  Stilmittel auf eine ganz neue Ebene bringt: Köstlich, unbedingt auschecken! (Zusatz: Ich habe mir die zweite Runde gerade nochmal angesehen: definitiv eine der kreativsten und witzigsten Battle-Rap-Runden überhaupt!)

Eine Liga, die ich bis jetzt weitgehend unerwähnt gelassen habe, ist URL, die Ultimate Rap League. Dabei ist sie eine der Pionier-Ligen und existierte bereits vor GrindTime. Damals wurden die Battles auf DVDs releast. Die Selbstbetitelung als „The Worlds Most Respected“ wird jedoch von der Konkurrenz milde belächelt: Zwar ist die Aufmerksamkeit, was die URL-Battles betrifft, wohl größer als bei den anderen Ligen (auch P.Diddy, Busta Rhymes oder auch Cassidy sind regelmäßig Gäste der Veranstaltungen), doch in anderen Ligen wird der URL oft vorgeworfen, dass es dort nur um sogenannte Gun-Bars (also Lines und Wortspiele mit Waffenbezug) gehe. Und damit wären wir auch beim Grund, warum die Liga hier eher selten vorkommt: Die Gun-Bars sind vielleicht einfach Geschmackssache und auch ganz unterhaltsam, der generelle Slang macht es jedoch für „Nicht-Involvierte“ kaum möglich, den Battles richtig zu folgen bzw. zu verstehen (und da kann man noch so gute Englischkenntnisse haben, manche Sachen versteht man einfach nur als „native speaker“). Des Weiteren spielt meiner Erfahrung nach amerikanische Pop-Kultur in der URL auch eine große Rolle und auch das sind Sachen, die man als Europäer nicht unbedingt nachvollziehen kann. Weitere Vorwürfe, mit denen sich die Liga konfrontiert sieht, sind das kommerzialisiert-wirkende Erscheinungsbild der Liga, die oft überbenutzten Gimmicks à la „Slow-it-Down“, Pseudo-Bars, und das Publikum, welches oft unruhig ist und es somit sehr anstrengend macht, den Battles zu folgen.

Man kann die Situation lustigerweise ganz gut mit Deutschland vergleichen, wo es auch Rap Am Mittwoch als professionelles, gut vermarktetes Produkt gibt und DLTLLY, das etwas „independent“ und alternativer rüberkommt. Auch die Selbstbezeichnung als „realste Cypher Deutschlands“ ist ein Berührungspunkt mit URL. Das soll nicht mal negativ gemeint sein, es sind einfach zwei andere Herangehensweisen. Nicht abzustreiten ist jedenfalls, dass URL zahlreiche Classics rausgebracht und die gesamte Battle-Rap-Geschichte mitgeprägt haben. Dieser Tage fühlten sich Fans auch an die frühere Hochzeit erinnert, nämlich dank der Battles zwischen Rum Nitty und Ave und zwischen Mike P und Tink tha Demon. Bars, Bars, Bars! Weiteres Highlight war das 2on2 (URL hostete vor Kurzem ihre Veranstaltung „Double Impact“, bei der es ausschließlich 2on2 Matches gab) zwischen Tsu Surf/Tay Roc und DNA/K-Shine. Dabei kann man auch die oben genannten Kritikpunkte deutlich erkennen. Ich muss zugeben, dass ich mir schwergetan habe, überhaupt das ganze Battle anzusehen.

Regular Classic:

Und weil wir gerade so viel über URL geredet haben, gibt’s hier zum Abschluss noch eine absolutes Must-See-Battle, das alle Kritikpunkte der Liga vereint und zeigt, wie diese auch positiv gesehen werden können: Charlie Clips vs. T-Rex. Ein Bodybag in selten erreichtem Ausmaß, Charlie Clips zerreißt T-Rex einfach in der Luft und es ist ein Genuss, ihm dabei zuzusehen. Die Stimmung, die Reaktionen der gegnerischen Crews, die BARS machen dieses Battle irgendwie zu etwas ganz Besonderem. Eines der wenigen Battles, die ich mir mehr als zweimal gegeben habe.

Drei Highlights und Gründe für den Klassiker-Status:

    • Charlie Clips‘ Rebuttal in der dritten Runde (zum Verständnis sollte man auch das Ende von T-Rex‘ dritter Runde ansehen)
    • Cassidy’s Reaktionen (vor allem während der dritten Runde) = priceless!
    • die Kommentare unter dem Video (mein Favorit: „Bout that time of the month again came to pay my respect to the last t-rex that got killed“)
    • und viertens natürlch: B O D Y B A G!!!

 

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