Die „Vorhut der Revolution“: Rap unter Fidel Castro

Fidel Castro (Screenshot)
Fidel Castro (Screenshot)

Vergangenen Sonntag wurde der kubanische Revolutionsführer und Ex-Präsident Fidel Castro beigesetzt. Eine umstrittene Persönlichkeit – bei Teilen der kubanischen Bevölkerung gottgleich verehrt, bei Exilkubanern, die vor allem in der Gegend um Miami leben, nicht selten mit Luzifer gleichgesetzt. Diese Ambivalenz durchzieht auch die kubanische Rapszene, die zwischen den Polen eines Naheverhältnisses zum Staat und den Versuchen, in einem von Zensur geprägten Umfeld Kritik an den Herrschaftsstrukturen zu üben, pendelt.

Staatssache Rap
Die Geschichte des kubanischen Raps ist relativ jung und in wenigen Kapiteln erzählt. Ausgehend von der schwierigen ökonomischen Situation der Karibikinsel nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion („Sonderperiode“) und dem Einfluss von Radiosendungen, die den Weg von Miami nach Kuba schafften, entwickelten sich in Havanna frühe Formen einer Rapszene. Die Regierung reagierte zunächst äußerst misstrauisch auf die neue Jugendbewegung, befürchtete sie, dass mit Rap eine „Amerikanisierung“ der Gesellschaft einhergehen würde. Diese Bedenken nahmen über die Jahre nicht nur kontinuierlich ab, die kubanische Regierung mischte vielmehr sogar aktiv bei der Bildung der Szene mit. Einschneidend für die weiteren Entwicklungen das Jahr 1995, als in Havanna ein erstes großes Rapfestival unter der Federführung der „Grupo Uno“ veranstaltet wurde. Schnell erkannten die Organisatoren die Vorzüge einer Zusammenarbeit mit der Regierung, die in vielerlei Hinsicht die Arbeit in Kuba erleichtern konnte. Parallel zum wachsenden gesellschaftlichen Interesse an Rap stieg auch der Einfluss des Staates in der Szene an – mit dem Höhepunkt der Implementierung der „Agenda Cubana de Rap (ACR)“, eine Unterabteilung des Kulturministeriums, mit einer Förderung des Rap in Kuba als einzigen Existenzzweck. Folgerichtig institutionalisierte die kubanische Regierung Rap. Ein weltweit einmaliger Schritt.

Fidel Castros Faible für Rap
Wie konnte Rapmusik, die in vielen Fällen von Hedonismus und Materialismus strotzt und deren Ursprung beim „Klassenfeind“ USA liegt, mit den Idealen der Revolution vereinbart werden? Ein wesentlicher Schritt lag in deren Umdeutung, sprich: Rap ist in Kuba nach ACR nicht die Musik der US-Amerikaner, sondern der unterdrückten Black Community – und als dementsprechendes Mittel zur Artikulation des Protests zu interpretieren. Wenig verwunderlich daher, dass vor allem Gruppen wie Dead Prez oder Public Enemy, die offensiv diese Ethik in ihren Texten transportieren (und gleichzeitig nicht mit Kritik am kapitalistischen System der USA sparen), besonders positiv von der kubanischen Regierung rezipiert werden. Hinter all diesen Vorgängen stand ein aktives Handeln Fidel Castros, der aus mehrerer Sicht ein Faible für Rap entwickelte: Zunächst begründet durch seine Erfahrungen mit afroamerikanischer urbaner Kultur im Harlem der 60er-Jahre, die er während eines Besuches bei Malcolm X machen konnte. Dieser Punkt markierte den Anfang einer langen Solidarität zwischen der kubanischen Staatspolitik und afroamerikanischer Protestkultur, bei der Rap zu einem späteren Zeitpunkt als zentrales Sprachrohr avancierte. Wenngleich diese Erfahrungen keine Nebensächlichkeit darstellten, spielte Harry Belafontes Aufenthalt in Kuba im Jahr 1999 die wichtigste Rolle für Castros Zugang zu Rap. Belafonte, bekannt als „King of Calypso“, verfügte über ein langjähriges Interesse an Rap, welches er als bedeutendes Mittel für soziale Veränderung identifizierte – ein Interesse, dem er auch auf Kuba nachkam und sich deswegen mit Vertretern der Rapszene austauschte. Bei einem elfstündigen Treffen mit Castro schilderte Belafonte dem „Máximo Lider“ seine Kenntnis über den Zusammenhang zwischen Rap und sozialem Wandel. Damit konnte er überzeugen – nach dem Besuch Belafontes setzten weitere Maßnahmen zu einer Stärkung der Szene ein, die nun als „Vorhut der Revolution“ betrachtet wurde.

Status Quo: „Im Rahmen der Revolution alles, außerhalb der Revolution nichts“
In der Gegenwart wirkt sich die starke Rolle des Staates dementsprechend auf die Texte der Rapper aus, die lediglich „konstruktive Kritik“ beinhalten sollen; Kritik, die keine konträre Position zu den Idealen der Revolution einnimmt, sondern nur Verbesserungsvorschläge für deren Erreichen aufbietet. Davon abweichende Textinhalte fallen der Zensur zum Opfer, die in vielen Fällen nicht zimperlich agiert (besonders, wenn das Personal des ACR keine Erfahrungswerte mit Rap aufweist). Warum arbeiten, trotz dieser künstlerischen Einschnitte, viele Rapper dennoch mit der ACR zusammen? Der Hauptgrund liegt in der nicht-existierenden Musikindustrie auf Kuba. Die Rolle großer Plattenfirmen oder Sponsoren, welche beispielsweise das Equipment bei Festivals bezahlen, übernimmt der Staat. Die Möglichkeiten, abseits von staatlichen Kanälen eine Öffentlichkeit zu erreichen, sind hingegen kaum gegeben. Gruppen, deren politische Botschaft Kritik am Staat umfasst, agieren im Untergrund und benutzten die bescheidenen Mittel des Internets. Dass auch international durchaus Potential im Rap für einen Wandel auf Kuba – fernab der Intention des Castro-Regimes – gesehen wird, zeigt das Beispiel der Gruppe Los Aldeanos, die vom Untergrund aus das Wirken des Staats kritisiert. Los Aldeanos fungierte 2010 als Schwerpunkt einer Initiative der US-amerikanischen Agentur für internationale Entwicklung, die das Ziel verfolgte, mit Hilfe des Duos die kubanische Rapszene zu infiltrieren und eine Anti-Castro-Stimmung bei der Jugend zu verbreiten. Ein ausgesprochen naiver Plan, der sich im Endeffekt nur in die lange Liste gescheiterter US-Missionen auf Kuba eintrug. 

Rap nach Castro?
Das Auswirkungen des Ableben Fidel Castros auf die Rapszene werden nur marginal bemerkbar sein – im Gegensatz zu Prozessen, die in den vergangenen Jahren die Ökonomie und Politik Kubas betrafen. Ein Ende des jahrzehntelangem Isolationismus, ein anwachsender privatwirtschaftlicher Sektor sowie infrastrukturelle Maßnahmen, die etwa den Ausbau des Internets betreffen, sind ausschlaggebende Faktoren für die gesellschaftliche Entwicklung – welche auch Rap umschließen. Die Regierung muss mit den nötigen Maßnahmen darauf reagieren: Im Falle von Rap bestehen diese vor allem in einem Ende der Zensur, stehen Einschnitte in der künstlerischen Freiheit diametral zu dessen Ursprungsgedanken. Auch Meinungen abseits der Staatsdoktrin bedürfen einer Artikulation. Keine Ausnahme davon die Thematisierung rassistischer Zustände und Unterdrückung, wovon selbst Kuba nicht frei ist. Rap hat unter Fidel Castro eine Gestalt angenommen, die zukünftig starken Veränderungsdynamiken unterworfen sein wird, was vor allem den Einfluss der USA betrifft. Der Weg zum großen Geschäftszweig ist im Falle des kubanischen Raps jedoch noch ein sehr steiniger, die fehlenden Strukturen werden dieses kulturelle Feld noch über Jahre hinweg prägen. Hedonistische Clubhits auf Trap-Beats werden in den nächsten Jahren weiterhin Mangelware auf Kuba sein. Zumindest das ist ein kleiner Trost für Fidel Castro.

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