Sanfte Eleganz: Niia mit „I“ // Review

(Atlantic Records/VÖ: 07.05.2017)

Im zarten Alter von 17 Jahren feierte Niia Bertino, kurz Niia, ihren ersten großen Charthit. Den sie Fugees-Mastermind Wyclef Jean zu verdanken hat. Dieser holte im Jahr 2007 die noch minderjährige Sängerin als Feature auf seinen Track „Sweetest Girl (Dollar Bill)“, neben den damaligen Granden Akon und Lil Wayne. Kein schlechter Einstieg in das Musikgeschäft – obwohl ihr Anteil am Song im Endeffekt marginal ausfiel. In der Folgezeit tourte Niia, die eine professionelle Gesangsausbildung an der New Yorker „New School for Jazz and Contemporary Music“ vorweisen kann, durch die Welt, trat bei David Letterman oder Jimmy Kimmel auf und veröffentlichte Coverversionen bekannter Pop-Gassenhauer wie Chers „Bang Bang (Baby Shot Me Down)“.

Allesamt Etappen, die zunehmend zu dem Verlangen führten, sich mit eigener Musik in der Öffentlichkeit präsentieren zu wollen. Ab 2013 nahm Niias Karriere dahingehend Fahrt auf: Zunächst durch die Videosingle „Made for You“, gedreht von „American-History-X“-Regisseur Tony Kaye, anschließend dank der ersten Solo-EP „Generation Blue“, produziert von Robin Hannibal. Hannibals Engagement erwies sich retrospektiv als außerordentlich glückliche Entscheidung, der Däne, auch an Kendrick Lamars „Bitch Don’t Kill My Vibe“ beteiligt und als Teil des Alternative-R’n’B-Duos Rhye erfolgreich, wusste nämlich gekonnt die gesanglichen Fähigkeiten Niias einzusetzen. Seine elektronischen, pop-beeinflussten Arrangements auf „Generation Blue“ ließen Niia zu Höchstleistungen auflaufen, Erinnerungen an Größen der Marke Sade wurden geweckt. Eine weitere Zusammenarbeit erschien als logischer Weg, Robin Hannibal zeichnet sich daher auch auf Niias Longplayer-Debüt „I“ gänzlich für die Instrumentalisierung verantwortlich.

Seinen Rhye-Background lässt er dabei immer wieder auf „I“ durchschimmern, so reduziert wie die Beats auf dem Album gestaltet sind. Träumerisches Piano, ausklingende Streicher, sanfte, verblassende Perkussion, zarte Gitarrenriffs und Wohlfühl-Synthies sind in der Regel die Komponenten, aus denen Robin Hannibal die musikalische Unterlage für Niias Gesang fabriziert. In der Regel, taucht der Sound des Albums an zwei Stellen auch in poppigere Gefilde ab und zielt Richtung Dancefloor. Nicht immer ein funktionierender Ausflug, denn was auf „Nobody“ mit frechen, sexuellen Untertönen locker und selbstbewusst wirkt, klingt auf „Girl Like Me“ zu kalkuliert und überambitioniert. Zum Glück aber nur ein Ausrutscher und nicht stellvertretend für das Album.

Ihre Stärken spielt Niia schließlich dann aus, wenn sich der musikalische Vibe zusehends in smoothe, jazzig-soulige Gewässer begibt. Das Ergebnis beläuft sich dann in mitreißenden Balladen wie  „Hurt You First“, „Last Night in Los Feliz“ oder „Sideline“, das sowohl als Solo-Nummer sowie im Duett mit R’n’B-Star Jazmine Sullivan alle Stärken von Niia innerhalb einer Zeitspanne von fünf Minuten bündelt. Die vor allem stimmlicher Natur sind, legt sie gesanglich die ganze Spielzeit über eine fehlerfreie Leistung ab und meistert alle Höhen und Tiefen mit eleganter Leichtigkeit. Das Songwriting befindet sich ebenfalls auf einem vorzeigbaren Niveau, ihre Schilderungen emotionaler Erlebnisse innerhalb verschiedenartiger Beziehungskonstellationen hüllt sie stets in einem packenden Gewand. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um unterschwelliges Misstrauen („Hurt You First“), fehlende Zukunftsperspektiven („Last Night in Los Felix“) oder das schreckliche Gefühl, nur den Platzhalter zu geben („Sideline“), handelt.

Fast schade daher, dass das Songwriting angesichts ihrer großen gesanglichen Fähigkeiten und den sorgsam ausgewählten musikalischen Produktionen oftmals in den Hintergrund rückt. Nur wenige Tracks des Albums zünden nicht und fühlen sich austauschbar an; neben dem bereits erwähnten „Girl Like Me“ können die zu sanft ausgefallenen „Constantly Dissatisfied“ und „California“ nicht vollends überzeugen. Der Rest des Albums begeistert, kratzen sowohl Gesang, die von Jazz und Trip-Hop genährten Instrumentals von Robin Hannibal und das Songwriting nahe an der Perfektion.

Fazit: Ihre musikalische Ausbildung ist Niia auf ihrem Debüt anzumerken. Die studierte Pianistin und Jazz-Sängerin beherrscht jeden Ton und legt eine fulminante gesangliche Leistung ab. Ihr produktionstechnischer Konterpart Robin Hannibal steht dem in vielen Facetten nicht nach und transportiert den Esprit der Rhye-Beats auf Niias Album. Nur die Dancefloor-Ausflüge wirken noch unausgegoren, wenige Tracks schippern fast zu langsam über die Ziellinie. Aber dabei handelt es sich um Ausnahmen, für die schon alleine das Jazmine-Sullivan-Duett „Sideline“ gänzlich entschädigt.

3,5 von 5 Ananasse

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