Bewusstseinserweiterung mal anders // Monkees Madness

retrogott
Retrogott, hier bei einem seiner letzten Auftritte in Wien.

Normalerweise kommt das Mikrofon im Berliner Club Ritter Butzke eher selten zum Einsatz. Aber ein, zwei verstaubte Mics hatte man dann wohl doch noch irgendwo im Lager liegen und diese sollten sich im Zuge von Monkees Madness in die Dienste von 4Trackboy (aka Retrogott und HIER im Interview) und Edgar Wasser stellen. Bis kurz vor drei Uhr werden diese auch noch eher grenzwertig benutzt, während DJ Raw D die Menschen im Salon – der zum „90’s HipHop, Newschool & Deutschrap“-Floor umgewandelt wurde – mit dem Mix aus genau dem, in die richtige … okay, sagen wir mal nur Stimmung bringt. Die ist zwar dementsprechend ausgelassen, Club halt … Doch dann abruptes Ende. Ein Jazz-Klavier klimpert und crasht langsam in das was, sich ein bisschen so anfühlt wie eine Erasmus-Party. Manche merken schon instinktiv, dass es jetzt anspruchsvoller werden könnte und suchen sicherheitshalber das Weite. Die – noch immer zahlreichen – Dagebliebenen freuen sich entweder oder haben absolut keinen Plan, was da jetzt auf sie zukommt. Eine typische Konzert-Atmosphäre ist das jedenfalls nicht. Und schon scheppern die ersten Drums aus der Anlage.

Der 4Trackboy boxt augenblicklich die Party-Meute aus ihrer Komfortzone und der Echomann kickt sie aus ihren Echokammern. Bewusstseinserweiterung im Club mal anders. Denn die Zeilen des Retrogotts sind wohl keine Zeilen, über die sich der durchschnittliche Party-Gänger Gedanken macht oder machen will. Dabei hat Retrogott eine Crowd wahrscheinlich selten so gezielt angesprochen. Also tatsächlich angesprochen, denn zu der Grundstimmung im Raum, die Clubs nun mal per se an sich haben, passen die Zeilen des MCs wie die Faust aufs Aug. Wer sich angesprochen fühlt, darf sich angegriffen fühlen. Und wer’s nicht glaubt, sollte sich vielleicht mal die „Timing & Effekte“-Platte anhören (die der 4Trackboy und Echomann übrigens so gut wie komplett durchspielen) und sich dann vorstellen, diese Zeilen im Vollrausch um vier Uhr morgens in die Fresse geschleudert zu bekommen.

Das Spannungsfeld, indem der Retrogott seine Predigt hält, lässt sich in etwa so beschreiben: Komplett fehl am Platz und goldrichtig! Am Schluss eines herrlichen Sets (inkl. unterhaltsamen Freestyle) spielt der Retrogott noch seinen wohl größten Hit, natürlich wieder in einer seiner vielen Live-Variationen und hinterlässt (hoffentlich) den ein oder anderen nachdenkend. Bildungsauftrag erfüllt. „Each one, teach one“ und so … Auch Edgar Wasser bringt das Publikum zum Nachdenken und auch bei ihm ist viel Ironie dabei, mit der offenbar nicht alle Gäste klarkommen. Vor allem bei seinem Track „Bad Boy“, der schon in der Vergangenheit missverstanden und auch zweckentfremdet wurde, scheint eine Zuschauerin derart vor den Kopf gestoßen zu sein, dass er sie nach dem Track direkt darauf anspricht und ihr das Mikro reicht, um sich erklären zu können. Sie ist der Meinung, dass wohl nicht jeder an diesem Abend die Message und die Ironie dahinter versteht. Kann man so stehen lassen.

Bei Edgar Wassers Auftritt kommt deutlich mehr Konzert-Feeling auf, auch Featuregäste hat er mit dabei. Zum ersten Juse Ju und zum zweiten Mine, mit der er „Aliens“ performt, richtig Gänsehaut. Insgesamt präsentiert Edgar eine breite Palette an Tracks aus seiner umfangreichen Diskografie (die übrigens auch gern mal wieder erweitert werden darf) und beendet sein Set mit seinem Classic „44 Bars„. Übergang, „Bass drop!!„. Back to Erasmus-Party. Schön war’s.

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