Der Gründer des Afrotrap // MHD Interview (Deutsche Version)

MHD by Daniel Shaked-9308
MHD by Daniel Shaked

Nicht viele französische Rapper verirren sich auf ihren sehr seltenen internationalen Touren in den deutschsprachigen Raum und noch weniger nach Wien. Meist sind diese Abende auch weder für die Veranstalter, noch für die Künstler befriedigend, da die Sprachbarriere oft unüberwindbar scheint. Man denke an Sopranos Auftritt vor ein paar Jahren. Doch ab und an überqueren Hypes selbst Sprachbarrieren und Landesgrenzen. Das gilt auch für MHD und seinen „Afrotrap“. Angefangen mit einem Selfie-Video auf Facebook, kumulierten seine ersten YouTube-Videos weit mehr als 100 Millionen Klicks in wenigen Monaten. Sein Afrotrap stößt auf dermaßen viel Anklang, dass er einen Hit nach dem anderen landet, in Talk-Shows eingeladen wird und selbst die Schnösel aus dem poshen 16. Pariser Arrondissement in den Clubs zur Musik aus dem populären 19. shaken. MHD verbindet Soundelemente aus Afrika (er ist der Sohn eines Senegalesen und einer Guineerin) mit denen des amerikanischen Traps. Er setzt dabei auf gute Laune und simple Ausführung – der Großteil der Videos aus seiner Afrotrap-Reihe sind One-Takes. Die Konsequenz war ein Universal-Deal und ein Debüt-Album, das mehr als 200.000 Einheiten verkaufte. Zahlreiche Konzerte (u. a. in Afrika, den USA und Deutschland) später sitzt uns der 22-jährige Mohamed Sylla in der Grellen Forelle gegenüber. Am Tag davor besuchten Bayern-Spieler sein Konzert in München, der Erfolg scheint ihm trotzdem nicht zu Kopf gestiegen zu sein. Wir lernen einen schüchternen und besonnenen MHD kennen, der weit nachdenklicher ist als das Gemisch aus Hook-Lines und Ad-Libs, auf das er meist reduziert wird. Wir sprechen mit ihm über seinen vermeintlichen Einfluss auf die Jugend, französische Politik und Loyalität gegenüber sich selbst. Hier geht es zur französischen Version des Interviews.

Interview: Jérémie Machto
Fotos: Daniel Shaked

The Message: Du hast gestern Bayern-Spieler kennen gelernt?
MHD:
Ja! Alaba, Renato Sanches und Ribéry sind zu meinem Konzert gekommen.

Waren es die ersten Fußballspieler, die du auf diese Weise getroffen hast?
Nein, in Frankreich sind auch andere Spieler gekommen. In Montréal war Didier Drogba, in Bordeaux sind die Spieler des Girondins gekommen. Das passiert regelmäßig. Es gibt Städte, in denen mehrere Fußballspieler kommen wollen und die melden sich dann. So läuft das ab.

Schaffst du es auf Tour, das aktuelle Fußballgeschehen zu verfolgen?
Ja klar, wir haben alle Apps, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Wie fühlt es sich an, wenn Spieler, die du früher vielleicht im Fernsehen bewundert hast, jetzt zu deinen Shows kommen?
Es freut mich und es gibt mir einen Extra-Boost. Es gibt mir eine zusätzliche Motivation, wenn ich weiß, dass bei einem Konzert Ribéry oder Renato Sanches zusehen.

Um über Musik zu sprechen: Ich würde dir gerne einen Track von einem österreichischen und einem deutschen Rapper vorspielen (Ich starte  „Ohne mein Team“ von Raf Camora und Bonez MC. MHD hat schon eine Vermutung.)
Ah, ist das „Ohne mein Team“?

Genau! Ich wollte wissen, was du davon hältst?
Diese Frage wurde mir schon öfters gestellt. Ich mag ihre Herangehensweise, die Atmosphäre.

„Das ist das Ziel des Afrotraps“

Fühlst du dich kopiert, wenn du so etwas hörst?
Ehrlich gesagt, bin ich geschmeichelt. Das heißt, dass ich zu einem gewissen Zeitpunkt eine Inspirationsquelle war. Und das ist das Ziel des Afrotraps. Dass es sich überall ausbreitet, nicht nur in Frankreich. Die Tatsache, dass es bis nach Deutschland und Österreich reicht, freut mich. Für mich hat das nichts mit Kopieren oder Plagiieren zu tun. Im Gegenteil. Das war unser Ziel, als wir Afrotrap gemacht haben. Dass es sich überall ausbreitet, und dass auch andere Leute Afrotrap machen, selbst wenn diese nicht aus Afrika kommen. „Ohne Mein Team“ ist der Beweis. Und es funktioniert sehr gut.

Im „Petit Journal“ auf Canal+ hast du vom transgenerationellen Aspekt deiner Musik gesprochen. Gibt es also auch einen transkulturellen Aspekt?
Genau. Beides gleichzeitig.

Was das transgenerationale Level betrifft: Gab es auch kritische Stimmen, die mit der Neuinterpretation ihrer Traditionen nicht klarkamen ?
Nein, die Alten nehmen es gut auf. Auf meinem Album habe ich zum Beispiel ein Lied mit Angélique Kidjo. Das ist gar nicht meine Zeit, also ist es eine Mischung von zwei verschiedenen Generationen. Das ist sehr gut gelaufen. Der Track ist besänftigend, die Texte sind gut und es gefällt beiden Seiten. Den Jungen wie auch den Älteren.

Ist das deine Zielgruppe?
Ja, ich will beide Gruppen erreichen.

Durch diese weitreichende Zielgruppe, die du ja auch tatsächlich erreichst, hast du auch viel Einfluss. Wie gehst du damit um?
Am Anfang war es echt schwer, damit umzugehen. Es war mein erstes Projekt und das erste Jahr, in dem es so gut funktionierte. Man ist zuerst etwas verloren, aber mit der Zeit versteht man, dass man einen großen Einfluss hat. Vor allem auf die Jungen. Es gibt eben viele Jugendliche, die uns verfolgen, vor allem über Social Media. Sie nehmen sich ein Beispiel an uns, also probieren wir „gerade“ zu bleiben und ihnen die richtigen Sachen zu zeigen.

„Ich lasse den Politikern ihre Politik und mir die Musik“

Wenn wir schon von deinem Einfluss auf die Jugend sprechen: Denkst du, dass politische Themen Platz im eher poppigen Afrotrap haben?
Ich vermittle keine politischen Messages in meiner Musik. Das ist etwas anderes, das ist nicht mein Bereich, damit kenne ich mich nicht aus. Ich probiere nicht, meine Musik mit Politik zu vermischen. Ich lasse den Politikern ihre Politik und mir die Musik.

Ist Politik jedoch etwas, das dich interessiert?
Früher habe ich mich überhaupt nicht dafür interessiert. Aber jetzt versuche ich mich ein bisschen zu informieren. Ich habe verfolgt, was bei den Vorwahlen passiert, höre mir die Reden der Kandidaten an. Es geht nun mal um den zukünftigen Präsidenten und es wird neue Gesetze geben und es ist einfach wichtig, auf dem Laufenden zu bleiben. Es ist klar, dass ich mich minimal darüber informiere, aber ohne mich zu sehr damit aufzuhalten.

Und wie sieht es mit den Präsidentschaftswahlen an sich aus? Irgendwelche Prognosen?
Absolut keine Ahnung, was passieren wird.

Aber spürst du einen Wandel in der Gesellschaft?
Die Jungen interessieren sich mehr und mehr für Politik. Sogar sehr junge, wegen Gesetze wie dem Arbeitsgesetz und allem, was dazu gehört.

Passiert das auch dank der sozialen Medien oder ist es eine Bewusstseinsveränderung?
Es geht ums Bewusstsein. Junge Menschen merken, dass sie weniger Vorteile haben, als die, die vor ihnen da waren, also verlangen sie mehr und müssen sich mehr für Politik interessieren.

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Nach dem großen Erfolg deiner Afrotrap-Reihe haben sich sicher viele Labels bei dir gemeldet. Wie hast du dich entschieden, zu Universal zu gehen?
Das war eine Last-Minute-Entscheidung. Am Anfang war ich mir nicht sicher. Aber ich bin noch immer ein unabhängiger Künstler, wir arbeiten nur mit Universal zusammen. Sie haben uns einen guten Vertrag für zwei Projekte angeboten. Beim ersten hat es sehr gut funktioniert und jetzt werden wir uns auf das zweite konzentrieren. Ich hoffe, dass es genauso gut wird.

Wird es ähnlich wie das erste Album?
Auf jeden Fall behalte ich die Stimmung und den Begriff des Afrotraps. Es ist gut, auf Alben Risiken einzugehen und Sachen auszuprobieren. Aber es wird mehrheitlich Afrotrap bleiben. Man kennt mich unter diesem Terminus. Die Leute feiern diesen „Vibe“ und ich fühle mich gut darin.

„Wenn man einen Kampf führt, darf man nicht alleine sein“

Wie fühlt man sich denn als Erfinder eines ganzen Genres? Denkst du, dass sich Afrotrap auch langfristig etablieren kann?
Dafür arbeiten wir. Deshalb freut es mich, wenn internationale Künstler Afrotrap machen. Wenn man einen Kampf führt, darf man nicht alleine sein. Wenn man zu mehrt ist, in verschiedenen Ländern, dann hat man einen richtigen Kampf. Es ist schwierig, sich als einzelner Künstler zu etablieren, als „Gründer des Afrotrap“ und alleine zu bleiben. Es ist gut, begleitet zu werden, ob es in Deutschland, hier oder den USA ist.

In all diesen Ländern bist du gerade auch auf Tournee. Ich nehme an, dass du selten an so vielen Orten in so kurzer Zeit warst. Schaffst du es da überhaupt noch, das Reisen etwas zu genießen?
Ja, wir genießen es absolut. Das ist nicht selbstverständlich, eine Tour in Deutschland machen zu können und überall Konzerte zu spielen. Wir genießen das.

Moderierst du auf Französisch?
Nein, ich spreche ein bisschen Englisch. Ich probiere es (lacht). Ich probiere, Englisch zu sprechen, weil das Publikum kein Französisch spricht. Wenn sie sich schon die Mühe geben, Musik auf Französisch zu hören, will ich nicht noch übertreiben, indem ich mit ihnen auf Französisch spreche. Wir probieren ein bisschen, Englisch zu reden mit den Kenntnissen die wir haben, damit sie sich auch wohlfühlen. Und damit sie unsere Message verstehen.

Denkst du, dass sie die Message in der Musik auch verstehen? Ohne die Sprache zu können?
Ich denke, dass sie ein Minimum verstehen. Es ist schwierig, weil es oft nicht wirklich eine Message gibt, aber bei Tracks wie „Champions League“ verstehen sie natürlich, dass es um Fußball geht. Bei einem Track wie „Fais le mouv‘‘ geht es einfach um gute Stimmung, Club-Atmosphäre. Das sind Faktoren, die dem Publikum helfen, sich damit zu identifizieren.

„In Afrika zu spielen hat mir sehr viel gebracht“

Du hast auch eine Tour in Afrika gemacht. Hatte das für dich eine besondere Bedeutung?
Afrika war der erste Ort, an dem ich spielen wollte. Weil es das Fundament des Afrotrap ist, war es wichtig, dort eine Tournee zu machen. Es hat mir gutgetan. Es hat mir erlaubt, neue Ressourcen zu tanken, dort zu sein, etwas über afrikanische Musik lernen. Das hat mir sehr viel gebracht.

Während deines Konzertes in Conakry hast du die Show abbrechen müssen, weil zu viele Menschen gekommen sind.
Ja, es war auf der „esplanade du peuple“ („Esplanade des Volkes“, Anm.), eine Esplanade, auf der 50.000 Menschen Platz haben. Letztlich sind 200.000 aufgekreuzt und wir konnten nicht spielen. Wir haben zwei Nummern probiert, aber das Equipment war für 50.000 Leute bestimmt. Das heißt, dass die hinteren Reihen nichts gehört haben, also wurde geschubst und geschubst. Die Bühne drohte einzustürzen, also mussten wir abbrechen.

Hat dich das sehr enttäuscht oder warst du eher beeindruckt von dieser Menschenmasse?
Es hat mich sehr beeindruckt. Aber es ist klar, dass ich enttäuscht war, dass wir die Show nicht machen konnten. Aber die Leute waren ja nicht da, um uns zu boykottieren, sondern um uns zu sehen.

Nach dem Erfolg deines Albums wurdest du in zahlreiche Talk-Shows eingeladen. Wie hast du dich gefühlt, mit Menschen reden zu müssen, die diese Kunstform nicht immer besonders ernst nehmen? Musstest du dich irgendwelchen Normen beugen?
Ehrlich gesagt, bin ich ein sehr simpler Mensch. Wenn ich etwas nicht machen will, dann mache ich es nicht. Ganz einfach. Und ich probiere nicht, mir im Fernsehen ein anderes Image zu geben. Wie man mich im Fernsehen sieht, so bin ich im Alltag. Das sind meine Prinzipien. Ich sollte mich nicht verändern, egal in welchem Kontext.

Denkst du, dass du für sie nur ein Mittel zum Zweck zu viel Reichweite warst? Oder waren sie wirklich interessiert an dir?
Ich denke, dass sie wirklich interessiert an mir waren. Aber ich glaube, dass es – wenn man im Fernsehen erscheint – sehr wichtig ist, man selbst zu bleiben, sich keinen Stempel aufdrücken zu lassen. Wenn die Kameras aus sind, müssen die Leute wissen, dass wir genauso sind wie wir sind. Das ist sehr wichtig.

Könnte das mit der Zeit und steigendem Erfolg schwieriger werden?
Nach all den Etappen, die wir bis jetzt durchquert haben, kann ich schwören, dass es keine großen Veränderungen gegeben hat. Ich bin immer noch mit denselben Freunden unterwegs. Ja, ich habe vielleicht 200.000 Alben verkauft, bin vielleicht doppelt Platin gegangen, aber man sieht mich noch immer im Viertel, man sieht mich noch immer mit den gleichen Schlapfen (zeigt auf seine FlipFlops). Es gibt keine Veränderung, keine Faxen, keine großen Autos … Sobald ich kein Konzert habe, bin ich in Paris, im Viertel. Ich bin immer dort. Das alles heißt nicht, dass ich jetzt in den 16. Bezirk ziehen werde. Nein. Ich bleibe wie ich bin!

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