LGoony & Crack Ignaz: „Wir sind Echsenmenschen!“ // Interview

Lgoony by Daniel Shaked © 2016-5564

Kometenhafter Aufstieg und kein Ende in Sicht: LGoony fügte Deutschrap nicht nur eine neue künstlerische Facette hinzu, sondern brachte die Lockerheit, die zwischen Facebook-Droh-Posting und Youtube-Werbe-Blog verloren gegangen ist, wieder zurück ins Geschäft. Sein letztes Solo-Mixtape „Grape Tape“ durfte auf keiner Bestenliste fehlen, HipHop-Journalisten überhäuften den Kölner mit Lob, obwohl er selbst für seine äußerst kritische Meinung zu den Szene-Portalen bekannt ist. Inspirationen für seine Musik holt sich Goony von einem Salzburger Rapper, mit dem er sich nicht nur auf dem letzten Projekt „Aurora“ das Mic, sondern auf der „NASA Universe“-Tour auch die Bühne teilt: Crack Ignaz, ebenfalls ein Senkrechtstarter, der mit „Kirsch“ und „Geld leben“ das Wort „Oida“ endgültig in Deutschland etablierte. Ein Interview über Deutschrap-Medien, Money Boy, Tokio Hotel, „Rothschild-Theorie“ und Internet-Humor.

Interview: Thomas Kiebl & Jérémie Machto
Fotos: Daniel Shaked

Der tägliche Turn-up hat seine ersten Spuren hinterlassen: Obwohl erst der dritte Tourstopp dieses „Duo Infernale“kämpfen beide mit einer Erkältung. Der Wasserkocher wird so zum meistbenutzten Backstage-Utensil, es duftet nach Ingwer. Trotz dieser Umstände ist die Laune beim Interview prächtig, beide zeigen sich in großer Vorfreude auf den Gig im Wiener Fluc.

The Message: Wer den Social-Media-Gewohnheiten von LGoony folgt, merkt deine kritische Haltung gegenüber dem Deutschrap-Journalismus. Was stört dich an der Berichterstattung?
LGoony: 
Ich bin selber Deutschrap-Fan und verfolge deshalb ziemlich viel. Mich stört vor allem, dass die Leute, die hinter diesen Magazinen stecken, sich offensichtlich gar nicht mit HipHop auseinandersetzen. Sie hauen vielmehr irgendwelche Standard-Texte raus. Meistens sind die Informationen sogar noch falsch. Und die Selektion ist in vielen Fällen total komisch. Irgendwie findet zwar alles statt, aber Untergrund-Sachen fallen trotzdem unter den Tisch. Weil lieber irgendwelche irrelevanten Tracklists gepostet werden. Und einfach Zeug von Leuten, die den Redakteuren nahestehen. Die Musik scheint nicht so wichtig zu sein wie dieser ganze Random-Quatsch, der gepostet wird. Ich finde das alles so whack.

Mangelt es an Kritik?
LGoony: Auf jeden Fall. Kritik traut sich eh keiner. Wollen schließlich alle mit den Leuten cool sein. Aus Angst, die könnten dann das nächste Interview absagen. In den letzten Jahren nahm diese Entwicklung noch verstärkt zu. Ich hoffe, das hört in Zukunft auf.

Existieren auch positive Gegenbeispiele?
LGoony:
AllGood finde ich sehr gut. Die bringen wirklich qualitative und interessante Sachen. Wie zum Beispiele diese Liste von Jan Wehn. „Stop, Look, Listen“ heißt die. Da postet er auch immer wieder Ami-Sachen. Finde ich gut, Rap aus den Staaten kommt sonst sowieso viel zu kurz in den Deutschrap-Medien.

Wie betrachtest du die Wertschätzung deiner Person in den Deutschrap-Medien?
LGoony: Mir ist es egal, ob meine Musik von denen wertgeschätzt wird oder nicht. Mich stört es eher, wenn zum Beispiel 16bars einen Text mit falschen Informationen über mich veröffentlicht. Irgendwo habe ich gelesen, dass das „Grape Tape“ mein drittes Mixtape nach den Tapes „Space Tape“ und „Goonyverse“ wäre. Solches Zeug eben. Oder, um noch einmal 16bars zu erwähnen: Die haben meinen Namen mit zwei „N“ geschrieben, „LGonny“, und nannten das Mixtape „Grape Fruit“ (lacht). Ich weiß nicht, wie man so etwas als Journalist hinbekommt. Müssen die Namen doch nur kopieren (lacht).

Nenn es „Electronic Lightcore“

Wie steht ihr zur Charakterisierung eurer Musik als „Cloud-Rap“?
LGoony: Diese Schublade wurde von Journalisten geschaffen. Die wissen wahrscheinlich selbst nicht einmal, was sie damit meinen.

Wie würdet ihr eure Musik selbst bezeichnen?
LGoony:
 Ganz einfach als Rap-Musik (lacht). Wir nennen es aber selbst „Electronic Lightcore“. DJ Heroin und ich machen „Electronic Lightcore“. Sind schließlich die Lichtgang. Und „Synthetic-Swing-Bounce“, das passt auch.
Crack Ignaz: Dem schließe ich mich an. Same Shit.
LGoony: Bei Ignaz muss man auch sagen, dass das Genre „Gödlife“ auf jeden Fall …
Crack Ignaz: … sehr präsent ist (lacht). Aber das „Gödlife“ ist nicht nur ein Genre, sondern eine Lebenseinstellung. Quasi ein Lebensgenre.
LGoony: Oh Shit, jetzt kommen die Zitate (lacht).

Findet ihr, dass gegenüber euren Sachen ein Unverständnis besteht im Deutschrap-Journalismus?
LGoony: Ich denke schon. Die meisten sind einfach zu alt, sie beschäftigen sich nicht mit aktueller Musik. Das merkt man, wenn bei irgendwelchen Jahresrückblicken von Rae Sremmurd als „DER Soulja-Boy-Klon“ – also als singulare Person – die Rede ist. So auf: „Die machen alle diesen Trap“… Die haben keinen Plan, ganz einfach (alle lachen).

Worüber schämt ihr euch im Deutschrap am meisten?
LGoony:
Es ist schon ziemlich viel peinlich, aber eigentlich so als Gesamtes (lacht). Aber soll nicht so negativ klingen, ich bin Deutschrap-Fan und es gibt auf jeden Fall viele coole Sachen. Aber sehr, sehr viel, was nicht cool ist.

Das Phänomen Money Boy

Eine Person, die sich in den letzten Jahren im Deutschrap etabliert hat, ist Money Boy. Die Welt bezeichnete ihn jüngst als „unterschätztesten Rapper unserer Zeit“ und als Sprachkünstler.  Wie seht ihr das?
LGoony:
Sehe ich auch so. Er war und ist sehr wichtig für Deutschrap. Schließlich zeigte Money Boy den Leuten, dass sie sich mal lockermachen sollen.

Inwiefern wichtig? Was hat er Deutschrap an Neuem hinzugefügt?
LGoony: 
Ziemlich viel. Er hat gezeigt, dass Spaß an der Musik das Wichtigste ist. Das war den meisten wahrscheinlich nicht klar. Und er hat sich gegen dieses Realness-Gelaber gestellt. Endlich kann man als Rapper übertriebene Dinge sagen. Er bringt ja andauernd Lines, die auf keinen Menschen der Welt zutreffen. Da sagt keiner mehr: „Oh, der lebt das gar nicht!„.

Wie entgegnet ihr Leuten, die sagen, ihr seid nicht „real“?
LGoony:
Diese Leute verstehen Kunst offensichtlich nicht: Man kann in der Kunst alles sagen und in jede Richtung gehen. Ist doch nice, Fantasie einfließen zu lassen. Es muss doch nicht immer alles „real“, dieser  „Ich-steh-morgens-auf-und-trink-meinen-Kaffee“-Rap sein. Ich wette, ganz viele von den Künstlern, die etwa über Liebe rappen und auf „real“ machen, haben das auch nicht aus den jeweiligen Gefühlen heraus geschrieben. Sondern sich gedacht: „Yo, ich will noch einen Liebestrack für mein Album machen.“ Ist im Prinzip genau das Gleiche. Außerdem sind wir „real“.
Crack Ignaz: True.

Um noch einmal auf Money Boy zurückzukommen: Wie steht ihr zu seinem speziellen Humor, der schon für einige Kontroversen gesorgt hat (wie durch die German-Wings-Witze)?
LGoony: 
Es kommt ganz auf die Situation an. Manchmal ist es lustig, manchmal ein bisschen drüber. Aber das muss jeder selber entscheiden. Humor muss nicht unbedingt Grenzen haben, aber aus Prinzip zu provozieren muss nicht unbedingt sein. Aber ich denke, bei ihm ist das gar nicht so der Fall. Er feiert einfach diesen Humor.

Kennt Humor Grenzen?

Bezüglich der Grenzen von Humor sehen das viele anders.
LGoony
: Ich bin gegen Grenzen von Humor. Man braucht das schließlich nicht zwangsweise lustig zu finden. Ist auch uncool, wenn jemand aus Prinzip nur extrem rassistische Witze oder ähnliches macht. Einfach um zu provozieren. Es hängt immer davon ab, wie man es einsetzt. Wenn einer jetzt total auf Rassist macht, ist es natürlich nicht cool. Man muss da ein bisschen abwägen.

Letzten Sommer hatte euer Kollege Yung Hurn eine Auseinandersetzung mit der österreichischen Noisey, weil in einer Facebook-Gruppe sexistische Witze über die betroffene Redakteurin gemacht wurden. Wie ist eure Meinung dazu?
LGoony: 
Die Sache wurde meiner Meinung nach ein bisschen falsch verbreitet. Erstmal ist das eine geschlossene Facebook-Gruppe, in der die Witze gemacht wurden. Jeder der Member dort checkt den Humor. Nur diese einzelne Person hat ihn in der Situation nicht verstanden und ihr Unverständnis dann, obwohl das Ganze in einem geschlossenen Raum stattgefunden hat, nach außen getragen. Yung Hurn sollte als Künstler geschadet werden, indem sie gesagt hat: „Ihr müsst euch überlegen, wen ihr bucht“ und so. Kann man nicht ändern, aber war eine nicht so coole Aktion von der Redakteurin.

Du meinst also, dass sie diesen Internet-Humor schlichtweg nicht verstanden hat?
LGoony:
Ja. Leute, die sich viel im Internet aufhalten, wissen eigentlich, mit welchen Sachen sie zu rechnen haben. Und nur weil Yung Hurn zwei Kommentare gelikt hat, bedeutet das nicht, dass er jetzt wirklich „Gang-Rapes“ macht. Und wie sie da geschrieben hat: „Ich muss Angst haben beim Weg nach Hause, dass ich nicht am Fluss vergewaltigt werde.(schüttelt den Kopf)

Auf deinem ersten Mixtape befinden sich einige absurde Verschwörungstheorien, z.B. auf „Lüge der Medien“, wo Angela Merkel ihre Neujahrsansprache auf einem anderen Stern hält. Wie weit dürfen solche Sachen gehen?
LGoony: Verschwörungstheorien dürfen sehr weit gehen. Man muss sie nicht ernst nehmen. Für mich ist das Entertainment: Ich gucke mir gerne Sachen wie „Trau keinem Promi“ (ein YouTube-Kanal, Anm.) an, weil es für mich eine interessante Gedankenwelt ist. Ob das nun stimmt oder nicht, ist mir egal.

Lgoony by Daniel Shaked © 2016-5569

Wenn du dir solche Videos reinziehst, kann du uns vielleicht erklären, was die „Rothschild-Theorie“ ist.
LGoony: Keine Ahnung, wir wissen nur, dass jetzt ermordet wird. (Spricht in leiser Stimme) „Jetzt wird ermordet“. (alle lachen)

Ignaz, du hast in einem Interview erzählt, dass Goony und du Vorausdenker seid und ihr das „Rap-Game“ per Speedrun durchspielt. Wie drückt sich das in eurer Musik aus?
Crack Ignaz: 
Naja, wir haben 2016 eh schon wieder ausg’spielt.
LGoony: Wir haben am Anfang schon den Endboss besiegt.
Crack Ignaz: Weißt eh, wir machen „Aurora“ fertig, schauen auf die Uhr und es ist noch Jänner.

Also beginnt das Spiel jedes Jahr von neu?
LGoony:
 Ja. Bei Aurora haben wir wirklich erst Mitte Dezember die Texte geschrieben. Einige haben wir sogar noch im Januar geschrieben. Und dann haben wir alles innerhalb von drei Tagen aufgenommen.

Eine Liebe für Tokio Hotel

Ist „Tokyo Boys“ ein Shout-out an Tokio Hotel?
Crack Ignaz:
Auf jeden Fall eine Hommage. Wir machen vielleicht noch ein Remix-Feature mit Tokio Hotel.
LGoony: Ja, vielleicht.
Crack Ignaz: Wenn sie das hören … irgendwann.  Hier schon Shout-outs an Bill Kaulitz, Tom Kaulitz und die anderen Dudes von Tokio Hotel, deren Namen ich nicht weiß.
LGoony: Shout-outs an Tokio Hotel und die Hunde von Tokio Hotel.
Crack Ignaz: Swaaaah! (langgezogen)

Um bei den Speedruns bzw. den Computer-Metaphern zu bleiben: Was wären die Glitches (Programmierfehler, Anm.) im Rap-Game?
Crack Ignaz:
Drank. Das ist der „Langsam-Cheat-Code“. Der verbraucht irrsinnig viel Lebensenergie. Der Körper nimmt auch an Masse zu, das heißt, man hat ein größeres „Target“. Aber man hat viel mehr Zeit zum Reagieren auf die Shots sämtlicher Feinde. Red Bull bringt die maximale „Strength“ (alle lachen).

So viel zum Sponsoring …
LGoony
: Ja, Red Bull Records.
Crack Ignaz: Ingwer ist auch noch wichtig! Sind halt keine Glitches, sondern Cheat-Codes. Ingwer ist auf jeden Fall mein Major-Glitch bzw. Cheat-Code.
LGoony:
Tee ist auch wichtig. Besonders Ingwer-Tee.

 Lil Bunna, King of Rap

Gibt es neben den „Speedruns“, den Cheat-Codes und Glitches auch „Easter Eggs“ in eurer Musik, die man erst in zehn Jahren checkt?
LGoony:
Bestimmt, bestimmt.

Die ihr selber nicht mal checkt?
LGoony:
Wir checken eh nichts, was wir sagen.
Crack Ignaz: Stimmt eigentlich.
LGoony: Die Texte werden uns alle von außen eingeflüstert. In unsere Illuminaten-Ohren.

Von den Echsenmenschen?
LGoony:
Wir sind Echsenmenschen! Man weiß gar nicht so genau, wie das alles abläuft. Musst du den Echsengott fragen.

Wie steht Crack Ignaz dazu, dass LGoony meint, Deutschland würde Österreich musikalisch hinterherhinken?
Crack Ignaz: (schweigt)
LGoony: Ignaz ist da raus. Er beschäftigt sich nur mit Lil Bunna. Shout-Out an Lil Bunna.
Crack Ignaz: Shout-out an Lil Bunna.
LGoony: Seine „Aurora“-Review war lustig.
Crack Ignaz: Ja voll oida, guter Dude oida.
LGoony: Wir haben Lil Bunna auch im Studio gepumpt. Das war eine der Main-Inspirationen neben Juicy Gay.
Crack Ignaz: Shout-Out an Juicy Gay.
LGoony: Gucci Mane haben wir noch gepumpt, Lil B, Three 6 Mafia, Tokio Hotel, Lucky X.

LGoony: Facebook x Twitter
Crack Ignaz: Facebook x Twitter

TeilenTw.Fb.Pin.
...

Bitte verwenden Sie einen aktuellen Browser, damit die Website korrekt funktioniert.

Sie sollten noch heute aktualisieren.

X