“Die Young Generation ist massiv unpolitisch” // Flip Interview

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Flip (li.) mit seinen Texta-Kollegen DJ Dan, Laima und Huckey

Im Gegensatz zu den meisten anderen Urgesteinen des österreichischen Raps denken Texta noch lange nicht ans Aufhören. Die sympathischen Linzer haben kürzlich ihr neues Album „Nichts dagegen, aber“ veröffentlicht, das ausschließlich auf heimischen Samples basiert und sich textlich um die österreichische Seele dreht. Außerdem sind Texta bereits zum zweiten Mal im Musiktheater verteten. Flip spricht im Interview unter anderem über Konflikte beim Zusammenwirken mit den anderen Texta-Mitgliedern, das neue Album und das Gestalten von Theaterstücken. Darüber hinaus erzählt er, warum Gaudi-Rap in Linz nicht funktioniert und sich die „Young Generation“ an Rappern unzureichend politisch engagiert.

Interview: Simon Nowak
Fotos: Zoe Michaela Rieß

The Message: Laima hat in einem älteren Message-Interview behauptet, dass Texta ohne Streit nicht funktioniert. Inwieweit müsst ihr euch gegenseitig auf die Nerven gehen, wenn ihr an neuen Tracks arbeitet?
Flip:
Wir haben uns im Laufe der Jahre gewisse Dinge erstritten, aber nie zerkracht oder so. Wir sind halt bissl aufbrausende Leute und kleinere Streitereien hat es immer gegeben. Es hört sich für Leute, die uns nicht persönlich kennen, komisch an, aber bei uns gehört das zum Schaffensprozess dazu, dass man sich hin und wieder in die Haare kriegt. Ganz ohne Spannung kriegt man wohl nix weiter.

Gröbere Geschichten gab es aber nicht, oder?
Na (lacht). Also es ist nie handgreiflich geworden. Es waren auch keine schlimmen Streitigkeiten. Das dauert bei uns ein paar Minuten und hat sich dann schnell wieder erledigt. Wir sind sehr individuelle Charaktere, die immer wieder gemeinsame Entscheidungen treffen müssen. So schlimm ist es aber eigentlich nicht, wir sind sicher nicht die super-zerstrittene Band.

Wie hat sich Skeros Abschied vor über zwei Jahren ausgewirkt und wie ist euer Verhältnis zu ihm? Auf eurem neuen Album habt ihr ihn nicht gefeaturt …
Wir haben mit dem Album erst angefangen, als Skero nicht mehr dabei war. Es war dann schnell klar, dass er nicht regelmäßig nach Linz kommen wird. Es war für beide Seiten wichtig, den Schnitt zu machen und dieses Thema zu beenden. Das hat jetzt nichts mit Streitigkeiten zu tun, sondern war auch eine künstlerische Entscheidung. Wir sind immer noch drei MCs und haben in der Konstellation genug Ideen gehabt, das durchzubringen. Darum sind außer einem Gesangspart von Kreisky keine anderen Features drauf. Für weitere Alben besteht natürlich die Möglichkeit, wieder mehrere Leute einzubinden.

Wie haben sich eure Albumaufnahmen verändert?
Skero ist immer wieder für paar Tage nach Linz gekommen und war dann wieder einen Monat nicht da. Wir haben dann sehr punktuell zusammengearbeitet, Ideen haben wir zunächst fast unabhängig voneinander ausgearbeitet. Albumaufnahmen haben sich dann immer über ein, zwei Jahre gezogen. Jetzt können wir uns fast fix einmal pro Woche treffen und paar Stunden an Nummern feilen und es geht natürlich viel weiter. Vor 20 Jahren war das noch leichter, dass jeder stundenlang Zeit gehabt hat und man sich öfters mal nachts zusammensetzt. Mittlerweile sind auch Familienväter dabei. Die Prozesse ändern sich mit der Zeit natürlich und man muss immer wieder einen Modus finden, in dem es funktioniert.

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Kommen wir zum Album „Nichts dagegen, aber“: Ihr habt es per Crowdfunding finanziert, weil es diesmal keine Unterstützung vom Musikfonds gegeben habt. Wisst ihr warum nicht?
Genau wissen wir das nicht, aber nachdem keine Gruppe in Österreich dreimal in Folge etwas vom Musikfonds gekriegt hat, gehen wir davon aus, dass es wohl nur zweimal hintereinander geht. Wir haben eben bei den letzten beiden Alben schon was bekommen.

Bemerkenswert ist, dass ihr ausschließlich österreichische Samples verwendet habt. Inwieweit gab es Schwierigkeiten mit den Urhebern?
Wir haben diesmal eigentlich alle Samples mit den Künstlern gecleart. Wir haben einige aktuelle Sachen verwendet und dadurch haben wir uns das teilweise mit Freunden von uns ausmachen können, wie beispielsweise Valina, Wipeout, Attwenger oder Kreisky. Die aktuellen Samples waren natürlich nicht allzu schwer zu clearen. Bei Dorian Concept ist es gescheitert, obwohl ihm die Nummer getaugt hat. Da hab ich das Sample dann nachgespielt. Sonst haben wir diesmal auch Samples bezahlt und insgesamt 1.500 Euro dafür ausgegeben. 500 Euro an die EAV, 500 für Michael Heltau und 500 an Die Bambis. Sollte das Album Gold gehen, kriegt die EAV zwei Prozent von den Einnahmen. Aber davon geh’ ich jetzt nicht aus, das wär’ schon ein Wunder (lacht).

Hast du dich alleine um die Samples gekümmert oder haben sich die anderen auch bei der Auswahl beteiligt?
Der Huckey hat paar Platten mitgebracht. Aber ich hab’ einfach paar Beats mit österreichischen Samples gemacht und die sind dann gepickt worden. Ausnahme ist „Nix aus Prinzip“, da hat Konstantin Diggn den Beat gemacht. Er hat mal 40 Beats mit österreichischen Samples vorbeigebracht und davon haben wir dann den einen ausgesucht mit dem Sample von Valina, wo lustigerweise sein Bruder als Schlagzeuger mitgespielt hat. Die haben sich mittlerweile aber aufgelöst.

Am Cover ist ein verschwitzer Typ zu sehen, der die österreichische Mentalität repräsentieren soll. Wie lässt sich der abgebildete Herr in aller Kürze charakterisieren?
Naja, er hat auf jeden Fall einen katholischen Background, hat das Kreuz oben. Aber er hat irre Angst. Er schaut in die Landschaft, blickt ins Ungewisse und fürchtet sich.

Hat er Angst vor Veränderung, eventuell im Hinblick auf die aktuelle politische Lage?
Genau, er fürchtet sich immens vor Veränderung. Das merkt man jetzt auch extrem bei den Wahlen, dass da sehr stark Ängste determinieren, in welche Richtung die Leute gerade wahltechnisch gehen.

Auf „Austrian Psychos“ skizziert ihr drei Durchschnittsbürger, in denen der Wahnsinn mitschlummert. Inwieweit kann man als Musiker der Midlife-Crisis entgehen?
Keine Ahnung, wahrscheinlich indem man Musiker ist (lacht). Es ist immer der Selbstfortschritt auch dabei. Zum Beispiel auf „Dieser Track“, wo Laima sagt, er ist jetzt der Kleinbürger in der Vorstadt, gegen den man jahrelang textlich-ideell angeschrieben hat. Da kommst du natürlich leicht in eine Identitätskrise. Wichtig ist, seinen Idealismus und seinen Glauben an Veränderung nicht zu verlieren. Erst wenn das weg ist, bist du für mich in der Midlife-Crisis.

Dazu passt auch „Kopfhelikopter“. Der Track dreht sich mit Augenzwinkern um ein flüssiges, durchgefeiertes Wochenende und den Hedonismus.
Auf Partys gehen und Saufen ist für mich gar nicht so relevant. Das macht man, oder macht man nicht. Es gibt stinklangweilige 20-Jährige und 60-Jährige, die immer noch volle Wäsch draufhauen. Das ist mehr eine Frage des Lifestyles als des Alters. Mit der Zeit bist du vielleicht nicht mehr so motiviert, dass du dich dauernd auf die Piste haust. Dann schaust du dir eben fokussierter Konzerte an oder gehst speziell wo hin und ist nicht mehr automatisch von Donnerstag bis Sonntag irgendwie unterwegs. Das Kopfweh wird ja auch stärker und das Katerstreicheln intensiver (lacht). Ich find’, dass auch Feiern zum Leben dazu gehört. Man soll kein Spaßverweigerer werden, das ist sicher nicht der richtige Weg. Die HipHop-Kultur ist stark aus dem Feiergedanken entstanden und es ist auch wichtig, dass sie ihn behält. Sie hat mit der Zeit an an Multidimensionalität gewonnen und das hat’s für mich spannend gemacht.

Mittlerweile hat auch Österreich eine facettenreiche HipHop-Landschaft. Auch gekoppelt an Tonträger Records galt Linz lange als Zentrum des heimischen Raps …
Das hängt stark mit dem Mundart-Ding zusammen. Ohne den Impact von Markante Handlungen, Kayo, Die Antwort, Marquee und zum Teil uns wäre das Ding nie so groß geworden. Die haben als Erste gezeigt, wie fresh man auf Mundart sein kann. Das war eine Qualität von Linz, die zu dem Denken mit der HipHop-Hauptstadt berechtigt hat. Gleichzeitig gab es dann Chakuza mit einer ganz anderen Schiene und Erfolg in Deutschland. Also eine breite Basis mit Leuten aus verschiedenen Richtungen.

Inwieweit kann man Linz noch als österreichische HipHop-Hauptstadt bezeichnen?
Ich würd’ nicht mehr behaupten, dass Linz die Hauptstadt ist, aber ich seh jetzt überhaupt keine, muss ich ehrlich sagen. Viele, die in Wien Musik machen, sind ja eigentlich gar keine Wiener. Stark registriert werden vor allem die Hanuschplatzflow-Leute mit Crack Ignaz. Die können momentan einen Impact setzen. Yung Hurn fällt mir noch ein und Moneyboy funktioniert auch immer noch als Clown. Mal schauen, ob die BoomBap-Leute auch was bewegen können. Es ist eh spannend, dass mehrere Styles so nebenbei existieren können. Ich finde es ganz wichtig, dass man sich da gegenseitig supportet und nicht von vornherein hatet, weil es etwas Neues oder Ungewohntes ist. Ich freue mich über jeden, der Erfolg hat – es muss mir ja nicht taugen. Grad bei den Jüngeren ist selten wer dabei, der Dinge sagt, die mich irgendwie flashen. Wir sind eine andere Generation an Rappern und erzählen andere Dinge.

Texta_Presse_2016_zoefotografie_0023_2Äußern sich jüngere Rapper deiner Meinung nach zu wenig zu politischen Themen?
Die „Young Generation“ ist massiv unpolitisch, bis auf ganz wenige Ausnahmen, wie zum Beispiel T-Ser, Demolux oder Monobrother. Aber wenn du dir die ganz Jungen anschaust, die interessiert das größtenteils gar nicht. Diese Generation, die jetzt für Aufsehen und Begeisterung sorgt, wird sehr unpolitisch geschult. So à la anything goes, Laissez-faire, ist ja wurscht  hauptsache Gaudi und das finde ich schade. Gerade als Junger sollte man noch Ideale haben und sich Gedanken machen, wo die Welt hingeht und wo sie hingehen soll. Mit dem Alter wird man dann eh zunehmend zynisch.

Die Tonträger-Website wurde seit etwa drei Jahren nicht mehr aktualisiert. Das Logo befindet sich auch nicht auf der neuen Texta-Website, sondern nur noch auf den Tonträgern selbst …
Das ist ein Thema, da könnt ich jetzt lange drüber reden. Im Endeffekt schau ich, dass ich die Acts mit Studio, Vertrieb und solchen Dingen supporte. Als Marke ist lange nichts gemacht worden. Der Bruch mit vielen Acts, die es damals gegeben hat, hat mich demotiviert, muss ich ehrlich sagen. Das war 2007/2008 herum.

An welche Acts denkst du dabei?
Die TTR-Allstars-Crew, die dann zerbrochen ist. Da habe ich jahrelang reingebuttert und das hat mir dann sehr viel Lust und Energie genommen. Wenn ich wen leiwand finde, schau ich eher nebenbei, dass ich ihn mit gewissen Strukturen so gut wie möglich unterstütze. Auf großer Basis kann ich das aber nicht mehr machen. Ich hab’ ja auch nie Geld damit verdient – das war mehr eine Goodwill-Geschichte.

Dennoch herrscht im Tonträger-Umfeld bis heute ein gewisser Qualitätsstandard.
Die Leut’ haben jetzt vielleicht nicht mehr das crazy Charisma, wie es zum Beispiel die Brotlose Kunst oder Marquee hatten. Sie arbeiten eben unaufgeregter und polarisieren dadurch weniger. Das ist in der heutigen Zeit vielleicht eh zu wenig. In Linz ist eher so die Lyricism-Schule daheim – also du musst auch was zu erzählen haben. Von den Acts kannst du immer noch behaupten, dass neben der Form auch der Inhalt wichtig ist. Das gilt ja auch bei Chakuza. Skills und Inhalte waren immer die Stärke von Linz, Gaudi-Rap hat’s bei uns nie so groß gegeben. Es gibt grad durchaus spannende Sachen, aber richtig big sind nur ganz wenige davon. Die vierte Generation an Rappern in Linz lässt massiv aus, da muss ich wohl auf die Fünfte warten (lacht). Ich kenn ein paar 14-15-Jährige, die sehr motiviert sind. Mal schauen, was sich da in den nächsten Jahren tut. Viele versuchen jetzt, den Cloudrap-Style abzukupfern. Da ist aber keiner dabei, bei dem ich sagen könnte: „Okay, der hat den Flavour super drauf.“ Froschberg Swag ist zum Beispiel auch eher eine Hobby-Geschichte, die haben das ja nie richtig oder seriös durchgezogen.

Die Unterhaltungsebene dürfte ja zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Deutschsprachiger Rap ist sowieso immer bissl zwischen HipHop-Kultur und Pop-Kultur. Da gibt’s „reale“ Acts mit kommerziellem Erfolg und dann wieder Acts, die damit nichts zu tun haben und gute Popmusik machen. Die HipHop-Kultur, die man aus den 90ern kennt, existiert in dem Sinn nicht mehr. Skills sind nicht unbedingt das Wichtigste. Eher: Wie kann ich das verkaufen? Welche Nische kann ich besetzen? Welchen Charakter inszenier’ ich? Diese Sachen sind wichtiger, als jetzt crazy 16 Bars zu droppen. Jeder Sound hat sein Ablaufdatum und ich bin gespannt, ob es diese Acts dann in zehn oder 20 Jahren noch gibt.

Mit „Welcome to Astoria“ seid ihr bereits zum zweiten Mal im Musiktheater vertreten. Inwieweit ist das ein Kontrastprogramm zu euren klassischen Live-Shows oder ein zweites Standbein für Texta?
Also die Anreisezeit ist sehr kurz (lacht). Das hat sich einfach zufällig ergeben und getaugt, ist jetzt aber kein Ersatz. Nachdem das beim ersten Mal sehr erfolgreich war, sind wir gefragt worden, noch ein zweites Stück zu machen und das wollten wir dann auch. Es ist auch eine ganz andere Herangehensweise, ein anderes Arbeiten.

In einem Interview mit der Tageszeitung Der Standard habt ihr klare Vorgaben erwähnt.
Genau, es gab ganz exakte thematische Vorgaben, wo man hinarbeitet. Das ist ganz was anderes, als wenn man Rap-Nummern schreibt und praktisch alles machen kann. Das war eben ein Auftragswerk. Bei „Max’n Morizz“ waren es acht Stücke, bei „Welcome to Astoria“ sind es jetzt sechs Stücke, die wir exakt dafür geschrieben haben. Die klingen ganz anders als die Sachen, die wir sonst machen.

Ihr habt den Sound mal als nicht Texta-typisch und unhomogen bezeichnet. Wo liegen die Unterschiede?
Erstens haben wir bei den Theaterstücken mehr selbst eingespielt, als gesamplt. Da gibt es auch Jazz-Nummern und eine House-Nummer. Es ist uns darum gegangen, die Stimmung für das Stück gut einzufangen. Im Theater sind eh wenige Kopfnicker dabei. Da geht es mehr um die Message und das Gefühl, das du im Moment rüberbringst und ob es ins Stück passt. Es ist ein bisschen wie Filmmusik. Wir haben uns mit dem Regisseur sehr genau ausgearbeitet, in welche Richtung eine bestimmte Szene gehen soll. Also es funktioniert ganz anders, als wenn wir ein Album machen und es ist auch eine Herausfoderung. Ohne die zwei Theaterstücke wären wir wohl nicht so motiviert gewesen, jetzt das Album zu machen.

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