Flip & Average mit Dienstagsklassikern

An 13 Dienstagen schlüpften die beiden Linzer Flip & Average mit deutschen Rap Übersetzungen in die Rollen von Jay Z & Memphis Bleek bis zu Run DMC. Der Texta Mastermind baute die Beats von Premier bis Organized Noise minutiös nach. Über die Arbeit und Entstehungsgeschichte der Tuesday Classics Serie und warum dabei auch Mundartkasperl, Markus Prock und Herbert Prohaska vorkamen, erzählten Flip und Average im Message Interview…


Was war der Ausgangspunkt der Tuesday Classics?
Flip: Im Endeffekt das Divinitus TV Interview vom Marquee aka Jack One aka Kroko Jack aka.., wo er über die Nasenbohrer geredet hat. Da habe ich gerade mit Average gechattet und über diese Aussage gescherzt und ihm auch das „Pickin Boogers“ Video von Biz Markie geschickt. Und dann haben wir gesagt: wäre lustig, treffen wir uns im Studio und machen die Nummer nach. Das war aber schon lange her.

Die erste Nummer auf der LP ist „Coming of Age“, wo du Flip den Part von Jay-Z übernimmst und Average Memphis Bleeks. Inwiefern habt ihr euch in die Charaktere der einzelnen Rapper reinversetzt?
Flip: Man muss dazusagen, dass ich witziger Weise schon vor fünf Jahren diesen Beat nachgebastelt habe, weil ich die Eddie Henderson Platte mit diesem Sample gekauft habe. Ich habe damals eh schon zum Max [=Average] gesagt, dass wir diese Nummer nachspielen sollten: ich als der alte Jay Z und Average als der junge Bleek. Das haben wir dann aber nie zusammengebracht. Als wir dann die „Pickin Boogers“ Nummer gemacht haben, sind wir dann wieder darauf zurückgekommen, weil ich den Beat noch fertig herumliegen hatte.
Average: Das Projekt stand also eigentlich schon lange im Raum. Wie die Rollen verteilt sind, ist in diesem Fall eh klar gewesen. Im Gegensatz zu manchen anderen Nummern. Es war dann auch nicht schwer sich in die Rollen rein zu versetzen: Flip ist schon extrem lange im Geschäft und ich bin viel, viel später dazu gestoßen und sehe mich dann doch als Schützling von den Texta Leuten.
Flip: Und dann schaut man halt auch, dass man den Vibe übernimmt und die Texte übersetzt, sodass es sich reimt und nach wie vor Sinn ergibt. Da ist es zu einigen lustigen Geschichten gekommen: aus dem amerikanischen Haarwuchsmittel Afro Sheen ist zum Beispiel das heimische Priorin geworden. Das war eigentlich der größte Part: zu recherchieren, was die da überhaupt erzählen. Natürlich kennt man diese Texte halbwegs auswendig, aber man überlegt nie genau, was bestimmte spezifische Ausdrücke oder Namen bedeuten könnten. Das dann irgendwie einzubauen und einzuösterreichern, war im Endeffekt die größte Herausforderung.

Aus Roscoe P. Coltrane wird ja zum Beispiel Herbert Prohaska („They want EFX“) und aus Lou Brock, Markus Prock („Check the Rhime“). Inwieweit habt ihr diese Personen aus der amerikanischen Populärkultur gekannt?
Flip: Überhaupt nicht.
Average: Bis auf Jimmy Hofer waren das Namen, die ich auch nicht gekannt habe (lacht). Wir haben dann halt geschaut, dass wir ähnlich bekannte österreichische Namen finden. Es war uns wichtig, dass in so einen Kontext zu bringen, dass man das auch in Österreich versteht.

Ihr habt euch an „Nuthin’ but a G´ Thang“ probiert…zum „Chronic“ Album von Dr. Dre wurde vor fast zwanzig Jahren auch eine ganze Tribe Vibes Sendung, damals noch auf Ö3, gestaltet. Haben die ersten Tribe Vibes Sendungen auch die Idee der Tuesday Classics beeinflusst?
Average: Ich habe die Sendung damals nicht live gehört. Ich war ja auch erst zwei Jahre alt…
Flip: Ich bin mir auch nicht mehr ganz sicher, ob ich die Sendung damals live gehört habe. Natürlich hat der Max die meisten Nummern, die wir nachgebaut und übersetzt haben nicht wirklich gekannt oder halt nur ein wenig. Für mich war das hingegen schon auch ein Schwelgen in meinen Jugenderinnerungen.

In der TC Presseaussendung stand, dass jede Nummer an einem Dienstag Nachmittag beziehungsweise Abend entstanden ist. War dem tatsächlich so?
Flip: Die aufwendigeren Beats habe ich zum Beispiel schon einen Tag früher gemacht. Manche sind aber auch sehr schnell gegangen: They want EFX, Pickin Boogers, It´s tricky, Bucktown. Manche waren dann auch aufwendiger, wie zum Beispiel eben„Nuthin but a G´ Thang“, wo ich Bass dazugespielt habe, nachher die Synthies. Oder Player´s Ball, wo kein einziges Sample dabei ist, sondern nur Instrumentspuren, Gitarre, Bass-Spur, Synthies. Das geht dann natürlich nicht in zwei Stunden. Dennoch war die Hauptidee das Ganze möglichst schnell und spontan zu machen. Die Rap Parts sind schneller gegangen: sobald ein Part halbwegs fehlerlos war, haben wir ihn eben gelassen. Um auch diesen rohen Flair zu behalten. Natürlich hätten wir noch tüfteln und alles noch einmal aufnehmen können. Ich wollte aber auch die Fehler drinnen lassen, damit das auch wirklich stimmt, dass wir das in zwei Stunden eingerappt haben. Sonst wäre es für mich auch Fake.

Gibt es auch einen Beat den du nicht geschafft hast?
Flip: Ja, „Chef Rocka“ ist nicht wie das Original. Ich habe da recherchiert und recherchiert und dann das überall kolportierte Sample verwendet. Ich habe dann die Nummer stundenlang seziert: die Bassline, den Saxophonbläser, aber das im Original verwendete Sample stammt meiner Meinung nach nicht von dieser Nummer. Ich wollte den Producer K Def dann echt schon selbst anschreiben, weil ich mir gedacht habe: das gibt es doch nicht! Für einen Normalo klingt der Beat eh ident, aber für mich persönlich war es eine Niederlage (Average lacht).

Ist das auch der Grund warum „Chef Rocka“ nicht auf der Vinyl Version drauf ist?
Flip: Naja wir haben überlegt, welche zwei Nummern ausscheiden müssen. Ursprünglich wollten wir alle 12 drauf geben, das hätte dann aber 25 Minuten Spielzeit pro Seite bedeutet und da wäre dann die Qualität dementsprechend niedriger gewesen und zum Auflegen nicht mehr geeignet.

Bei „Stahltown“ rappst du von Mundartkasperln und Möchtegernslangsta. Rund um die Slangsta Sache hat sich auch eine neue, sehr junge Fanszene formiert. War bei Tuesday Classics auch die Überlegung da, dass diese Leute auch die Roots kennenlernen sollen?
Average: Vor allem ein Bildungsauftrag gegenüber mir (lacht).
Flip: Nein, das war nicht die Hauptüberlegung dahinter. Es kann natürlich schon sein, dass sich das jemand anhört und sich denkt: warum rappen die so komisch? Und dann kommen sie vielleicht drauf, woher das Original ist. Nichts gegen Mundart, aber dieses „4Life Ding“ kann ich schon überhaupt nicht mehr hören. Alles ist 4Life: Vammumtn4Life, Slangsta4Life, Kasperl4Life… Dann sagen irgendwelche 15 jährige: Slangsta4Life und ich denke mir: ist das eine Lebenseinstellung Slangsta zu sein?! In drei Jahren machen diese Leute die heute vor 4Life schreien was ganz was Anderes. Diese neue Slangsta Nummer von Moz ist zwar ok, aber wenn er mir erklären soll was ein Slangsta ist, dann ist das für mich nichts. Weil es auch nichts ist: es ist nur eine Wortkreation. Tuesday Classics ist auch nix. Das ist halt ein Begriff den man in die Welt setzt und dann entwickelt es eine Eigendynamik, da steckt sonst nicht viel dahinter. Es gibt viele, die sich auf das draufgesetzt haben. Das Lustige ist, dass die Leute die das Mundart Ding kreiert haben, nicht die sind, die die Kohle damit machen, sondern Leute wie die Trackshittaz oder die Vamummtn und so weiter. Der Ansa hat vor vier, fünf Jahren auch noch komplett hochdeutsch gerappt.

Wenn wir uns für einen besten TC entscheiden müssten wäre das wohl Zuchini…
Average: Das war eine sehr spannende Nummer, weil sie einen sehr sehr geilen Flow hat. Wir haben uns am Anfang gedacht, dass es vom raptechnischen eine der kompliziertesten Nummern ist. Aber den Flow nachzumachen ist hier eigentlich am Einfachsten gegangen. Das ist auch mein Favorit.
Flip: Wobei die da zum Teil echt irgendwas reden: zum Beispiel vom Amaretta süffeln, obwohl es ja eigentlich Amaretto heißt. Wir haben es auch beim Amaretta gelassen. Das war dann auch das Witzige daran: diese Leichtigkeit Sachen zu machen, mit der Sprache zu experimentieren…wenn man sich DasDampfendeEi [Anm.: Bandprojekt von Skero, Marimba + DJ Cutex; LP Release anno 1995] anschaut, dann war das in Wirklichkeit eines der letzten Projekte wo es um Didel Dadel Reime gegangen ist. Das war trotzdem irgendwie cool. Damals sind sie soweit gegangen, dass sie plötzlich in irgendeiner Phantasie Sprache gerappt haben. Diese Art mit Worten zu spielen, wie es damals passiert ist, auch bei Das EFX, die tausend mal kopiert worden sind, das gibt es heute in dieser Form nicht mehr.
Average: Stimmt, Leichtigkeit. Das war eine der ersten persönlichen Reaktionen, die ich auf die Tuesday Classics bekommen habe. Ein Freund hat in Bezug auf die TC gemeint: endlich bringst du mal was anderes und nicht immer nur so nachdenklichen Scheiß, wo man ständig überlegen muss, was du jetzt meinst oder worüber du redest.

Ihr habt ja auch einige Videos zu den Tuesday Classics „gedreht“…
Average: Die Idee mit den Videos kam von Skizzo vom DreiMinutenEi. Und da gab es auf deutschen Blogs auch Kommentare wie „perfekt nachgedrehte Videos…original in Szene gesetzt“ und so (allgemeines Lachen). Total skurril. Der eine hat dann auch noch so in den Raum gefragt, dass er sich doch eingebildet hat, dass wir Zwei weiß wären…

httpv://www.youtube.com/watch?v=pyYCJxwG7UU

Flip hast du dir bei „Regulate“ schwer getan den Part von Nate Dogg nachzusingen?
Flip: Live ja. Im Studio ist es gegangen (lacht). Es war eigentlich leichter, als ich befürchtet habe. Im Vorhinein habe ich mich nämlich schon ein wenig angeschissen. Eigentlich hätte den Part ja auch Max übernommen…
Average: Spätestens live war ich dann aber sehr froh, dass nicht ich der Trottel war.
Flip: Da haben wir auch überlegt, ob wir diese Gangsta Idee aus der Nummer wegbringen. Dann haben wir uns aber gedacht: eigentlich lassen wir die doch drinnen, weil die Geschichte so dermaßen blöd und absurd ist. Das Lustige an der Nummer ist ja auch, dass sie damals 1994 Def Jam gerettet hat. Das war die Zeit, wo sich die Def Jam Acts alle schlecht verkauft haben. Die haben damals vier Millionen Singles davon verkauft…der G Funk (lacht). Bei manchen Beats ist lustig dahinter zu schauen, wie wenig dahinter war und bei manchen, war es dann doch mehr als man glauben würde…

Wie ist die Auswahl der Tracks gekommen?
Average: Durch Flip.
Flip: Ja wir haben so eine 30 Nummern Liste gemacht.
Average: Ich habe nur gesagt, dass DJ Url „Chief Rocka“ haben will.
Flip: Wir haben dann schon gemeinsam entschieden, welche Nummern wir nehmen. Wir haben nur geschaut, dass das auch Nummern sind, wo zwei Leute rappen. Da verringert sich die Auswahl schon mal sehr. Also ein Teil Zwei ginge sich vielleicht noch aus. Teil Drei vielleicht auch noch irgendwann einmal…Mein Selektionskriterium war natürlich auch, dass ich alle für mich relevanten Producer drinnen habe. Premier, Organized Noise, Marley Marl…Pete Rock ist sich leider nicht ausgegangen, weil es da irrsinnig wenig gibt, wo zwei Leute rappen.

Jay Master Jay ist auch vertreten…
Als wir mit Texta das „So oder so“ Album in New York aufgenommen haben, hat uns ein Engineer, der damals bei den Aufnahmen von „Tougher Than Leather“ dabei war, erzählt, dass sie damals eine Drum Spur programmiert haben und einfach auf Bandl aufgenommen haben. Und nachher hat Jay Master Jay den Loop ganz einfach von Hand eingespielt. Während sie den Beat gebastelt haben, sind die anderen beiden im Proberaum gesessen und haben den Text geschrieben. Und ab dem Moment wo der Beat fertig war, sind sie reingegangen. Zwei Mics gleichzeitig, und haben die Nummer One Take gleich reingeschnalzt. Die haben immer in einer Stunde einen Track fix und fertig gehabt. Keine Over Dubs, nichts. Wir wollten das eigentlich auch so machen, aber ich habe nur ein gutes Mic (lacht). Bei „It´s tricky“ haben wir aber glaube ich auch alles One Take aufgenommen. Das sind dann auch MC Skills: schaffst du es in der kurzen Zeit den Text zu übersetzen und auch gscheit einzurappen? Bei manchen Texten ist mir das beim ersten Versuch gelungen.

Wenn ihr drei Lieblingsreleases aus der Golden Era nennen müsstet…
Average: Ähm…ich habe leider ein schlechtes Gedächtnis was Jahreszahlen betrifft…hm wann ist „Da Joint“ [Anm.: EPMD] gewesen?
Flip: ´97.
Average: Und „The Invincible“ [Anm.: Capone N´Noreaga]?
Flip: 2000.
Average: Und als drittes „Thick“ von D.I.T.C….
Flip: Ich muss natürlich Alben sagen. Public Enemy „It takes a nation of millions to hold us back“…

Public Enemy hätte sich als Duo ja auch angeboten…
Flip: Ja aber wer macht den Flavor Flav? Und beim genannten Album hatte er auch relativ wenig mit den Texten und Raps zu tun. EPMD…ihr erstes Album war damals für mich auch unglaublich. Da kann ich auch jetzt noch fast alle Texte auswendig. Ich glaube, da könnte ich fast ohne Textblatt die Nummern übersetzen. Und von A Tribe Called Quest kann man die ersten drei Alben mit reinnehmen.
Average: Bei mir wäre noch der Intro Song von The Fresh Prince of Bel Air zu nennen.
Flip: Aber in Wirklichkeit müsste da auch noch Gang Starr rein und De La Soul, die Jungle Brothers, Pete Rock & CL Smooth…

Ein Thema, an dem wir nicht herumkommen: Aphroe und sein sehr ähnliches Projekt…
Flip: Sie sind laut PH7 über die Elmatic Geschichte drauf gekommen. Wir waren ja nur lokal damit unterwegs: also auf Tribe Vibes und auf unserer Internetpräsenz. Insofern, wenn sie nicht dauernd auf meine Seite schauen, oder Tribe Vibes hören, bekommt man es auch nicht mit. Dennoch war die Optik dabei natürlich etwas komisch…aber die Deutschen kennen in der Regel nichts aus Österreich und registrieren auch nichts aus Österreich.

Ihr selbst habt ja beide schon weitere Releases angekündigt…
Average: Ja mit der AU über Beats von DJ Concept (Da Staummtisch) hätte eigentlich nach meinen Plänen noch in diesem Jahr eine EP rauskommen sollen, ich denke aber, dass die erste Hälfte 2012 doch noch realistisch ist. Jetzt fängt gerade das Rad bei mir wieder zu rennen an. Ich will nicht sagen, dass ich faul war, aber ich habe unterbewusst doch das Gefühl gehabt, dass ich einmal in der Woche am Nachmittag zum Flip ins Studio gehe und damit meine Arbeit im Sommer getan ist…leider!
Flip: Mein Producer Album „The Soundtruck“ ist jetzt wirklich fast fast mit den 16 Nummern fertig. Man sollte gar nicht glauben was im Laufe von einem Jahr so passiert. Ich habe glaube ich heuer so viel releast wie noch nie: die AU EP gemischt, das Kayo Album, das BumBumKunst Album, das Texta Album produziert und gemischt, Nomadee Album gemastert, die Symbiotika EP, meine Loud Minority 7 Inch ist rausgekommen, dann noch einige Remix Projekte, und Tuesday Classics…deswegen hat sich das etwas in die Länge gezogen. Aber fünfzehn Nummern sind eigentlich schon fix und fertig.

Du hast alles produziert und Gast MC´s eingeladen. Wer wird da aller zu hören sein?
Flip: Elzhi, AG, Phat Kat, Guilty Simpson, Kev Brown, Trek Life, King Solomon, Buff1 mit den A Side Allstars, Cymarshall Law,…
Average: Haftbefehl auch?
Flip: Genau Haftbefehl, Eko Fresh, Moneyboy…und ein paar Unbekanntere so wie…
Average: Mördan…
Flip: Young IP. Und auch viele Leute aus Oakland, weil ich über DJ Rascue ein paar junge Cats aus Oakland mit guten Sachen zugeschickt bekommen habe. Das wird so eine Mischung aus ein paar unbekannteren aus der Bay Area und einigen Prominenteren… Was mich freut ist, dass ich zwei Frauen drauf hab: Chela Simone und Haze, die bei der Crew 40Love rappt. Rauskommen wird es erste Hälfte 2012.

Interview: Jan Braula
Fotos: Daniel Shaked

Deine Message dazu: