Battle-Rap ist kein Sport, sondern Kunst // DLTLLY im Interview

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Der DISSember im Lido war DLTLLYs bisher größtes Event.

Unweit vom Schlesischen Tor, dort wo Rap Am Mittwoch seine Türen regelmäßig öffnet, startet in wenigen Augenblicken der DISSember von Don’t let the label label you (kurz DLTLLY) im Berliner Lido. Hier werden sich gleich zehn MCs in fünf vorgefertigten A-capella-Battles gegeneinander messen. Darunter auch das allererste deutschsprachige Titel-Match zwischen Brian Damage und Nedal Nib. Das alles ist das Ergebenis von harter Arbeit und die bisherige Krönung eines Projektes, das nun seit drei Jahren ständig größer wurde. Die Battles, um die es hier geht, werden im Gegensatz zu den weitaus bekannteren Freestyle-Battles vorab geschrieben und es läuft kein Beat im Hintergrund. DLTLLY hat es geschafft, Written-Battles im deutschsprachgien Raum auf eine neue Stufe zu bringen. Als sie damit anfingen, galt es den Platzhirschen Rap Am Mittwoch die Stirn zu bieten: Qualitativ ist das durchaus schon erfolgt, quantitativ hinkt man dem Konkurrenten noch etwas nach. Doch genau diese noch  unausufernde Größe macht vielleicht den Charme der Liga aus. Im Gegensatz zu RAM wird ausschließlich auf Written-Battles gesetzt und die Kontrahenten stehen sich in einem Cypher-Kreis, meist ohne Mikrofon, gegenüber. Die Köpfe hinter der Veranstaltung sind Hanno Martius und Jamie Seidl-Curtis. Früher selbst als Musiker tätig (unter dem Namen JollyJay & H2O), konzentrieren sie sich zurzeit hauptsächlich auf die Weiterentwicklung ihrer Plattform. Dort gibt es Musikvideos, Interviews und vor allem ganz viel Battle-Rap zu bestaunen. Über diesen, die Rivalität mit Rap Am Mittwoch und ihr neues Label Ear-Sight haben wir uns ein paar Tage nach dem DISSember in Berlin unterhalten.

The Message: Ihr habt mit dem DiSSember euer bisher größtes Event veranstaltet. Was hat sich seit der ersten Session verändert?
Hanno
: Natürlich die Größe, aber generell hat sich deutscher Battle-Rap seitdem einfach krass entwickelt. Damals waren auch Leute wie Brian Damage dabei, aber selbst die haben sich krass gesteigert. Es ist einfach eine Riesen-Entwicklung, die international gesehen zwar noch in den Kinderschuhen steckt, aber für uns war das schon ein Meilenstein.
Jamie: Brian Damage ist ein gutes Beispiel. Er hat ja gleich beim ersten Event eine Runde über Mighty Ps toten Vater gerappt und wurde dafür auf der Bühne ausgebuht und bedroht. Das würde heute nicht mehr passieren, weil die Leute etwas abgehärteter sind. Es würde trotzdem nicht jeder feiern und es wäre trotzdem kontrovers, aber man sieht, wie sich Battle-Rap entwickelt hat, indem man merkt, dass die Leute so etwas mehr erwarten. Es gibt weniger Grenzen. Man kannte Battle-Rap damals nur über Rap Am Mittwoch und Freestyle-Sachen. Bei so einer Freestyle-Runde wird natürlich nicht so etwas Persönliches gesagt, also war es ein viel größerer Schock. Mittlerweile ist das mit den Written-Battles nicht mehr so schockierend.

Es gibt also auch eine Weiterentwicklung des Publikums?
Hanno
: Genau. Irgendwann wird es sich auch dahin entwickeln, dass jeder ausgebildet genug ist – weil er genügend Battles gesehen hat – um sich seine eigene Meinung zu bilden. Jetzt ist es so, dass sich die Leute über die Jury-Entscheidungen aufregen. Mit der Weiterbildung des Publkums wird das irgendwann nicht mehr nötig sein.
Jamie: Aber so Kleinigkeiten, die sich verändert haben, sind zum Beispiel, dass wir bei den drei ersten Events Gewinnerbeutel hatten, in dem ein Joint mit drin war. Das haben wir schon lang nicht mehr gebracht (lacht). Das könnten wir auch nicht mehr bringen.

Ihr habt erwähnt, dass sich die Toleranz des Publikums verstärkt hat. Ist das immer etwas Gutes?
Jamie
: Nicht nur die Toleranz, sondern auch das Verständnis des Publikums. Sie verstehen einfach mehr. Umso mehr sich dieses „Written-Ding“ etabliert, umso weniger kommen die Leute dahin, um besoffen ein bisschen zu lachen. Beim Freestyle-Battle gehst du hin und wirst paar Mutterwitze hören. Jetzt gehst du zu einem Battle und weißt, du wirst wirklich gute Lines hören. Du hörst mehr zu und achtest mehr.
Hanno: Momentan machen wir auch Tages-Events, die fangen zwar auch erst um sechs oder sieben an, für Berlin ist das aber Mittagszeit (lacht). Die ersten Events haben alle erst so um 22 oder 23 Uhr angefangen. Das krasseste Beispiel war im RAW-Tempel in Berlin, als wir mit Don’t Flop kollaboriert haben: Da war das letzte Battle um fünf Uhr morgens. Und irgendwann haben wir dann gesagt: ‚Fuck, das geht überhaupt nicht klar‘. Das geht für die Zuschauer nicht und für die MCs ist es das Gleiche, weil du zu dieser Uhrzeit einfach nicht deine Leistung abliefern kannst.

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Raptor vs. Unanymous beim DISSember

„In Amerika kannst du mittlerweile schon damit Karriere machen“

Es gab beim DISSember-Event mit dem Match zwischen Unanymous & Raptor den direkten Vergleich zwischen deutschem und englisch-sprachigem Battlerap. Wo hat deutscher Battle-Rap noch Aufholbedarf?
Hanno
: Also es ist schwierig, das so zu generalisieren, aber die beiden waren echt „in ihrer Fresse drin“. Klar, die hatten diese Vorgeschichte und haben sich gehasst, aber man hat  gemerkt, dass sie viel weniger Raum zwischeneinander hatten. Und die Deutschen stellen sich dann etwas weiter auseinander hin. Man kann nicht alle über einen Kamm scheren, paar sind natürlich nähergekommen. Aber an sich war es mehr ein Vortrag als eine absolute Performance. Falls man es überhaupt so harsch sagen will. Das kommt mit ein bisschen mehr Erfahrung. Unanymous hat ja schon 60 Battles gemacht. Das macht sich natürlich bemerkbar. Pedro ist damals gegen Jean-Gough Frais einfach ins Battle gegangen, ohne davor irgendetwas dafür geschrieben zu haben. Und es ist natürlich unfair, einen hundertprozentigen „Freestyle-Kokser“ gegen was Geschriebenes zu bewerten. Aber es hat generell einfach ’ne ganz eigene Energie. Was sagst du Jamie?
Jamie: Das Level ist einfach höher. Manche Leute sagen, dass ich damit unsere eigene Szene disse, aber es ist normal, dass etwas, das neun oder zehn Jahre etabliert ist, weiterentwickelter ist, als etwas, was es seit drei Jahren gibt. Ich würde sogar sagen, dass unsere Entwicklung schneller ist, weil wir eben die ganzen Beispiele aus England haben. Weil Leute wie du und auch wir die Ami-Battles schauen, haben wir diesen Vorteil. Ich weiß, dass wir jetzt mit DLTLLY nach drei Jahren weiter sind, als Don’t Flop nach drei Jahren. Das heißt unsere Entwicklung ist sehr schnell, trotzdem sind wir noch viele Jahre hinterher.
Hanno: Die Engländer, die da waren, meinten auch, dass Don’t Flop gar nicht so ’ne Crowd ziehen könnte wie wir in Berlin gezogen haben.
Jamie: Aber was die MCs betrifft, hat der Aufholbedarf nicht unbedingt mit dem Talent oder der Qualität zu tun. Hier gibt es auch sehr viele talentierte MCs. Aber die Briten nutzen ihr Talent einfach anders aus. In Amerika kannst du mittlerweile schon damit Karriere machen. Deswegen gehst du hin und schreibst dein allerbestes Zeug, als wäre es dein Album. Und hier denken die Leute noch nicht so. Es gibt nur ein paar.

Hier nehmen die MCs es also noch auf die leichte Schulter?
Hanno
: Das macht aber auch Sinn. In England hat es sich erst vor ein bis zwei Jahren so professionalisiert, dass die auch Geld dafür kriegen. Davor hat selbst bei Don’t Flop niemand wirklich Geld bekommen. Jetzt kriegen Leute immer mehr Geld, in Deutschland hat es auch ein bisschen angefangen. Es ist einfach ein langsamer Prozess und sobald das auf eine gerechte Augenhöhe kommt, wird das Ganze per Definition professioneller. Dann geht es nicht mehr nur um die Ehre oder so, sondern man kann daraus auch einen Job machen, wenn man will.
Jamie: Diese Geldsituation ist auch ein großer Unterschied. Für unsere Größe zahlen wir jetzt schon „viel“. Es sind zwar immer noch Peanuts – ich würde nie sagen, dass wir den MCs zu viel geben. Auch wenn wir ihnen viel geben, ist es immer noch nicht genug, weil ich weiß, was die Arbeit eigentlich wert sein sollte. Die Realität ist aber, dass man in den USA als Battle-Rapper erstmal 20 bis 30 Battles machen muss, um irgendwie was zu kriegen, während hier Leute nach drei gewonnenen Battles schon 200 Euro verlangen. Das hält uns auch ein bisschen zurück. Die Leute sehen so ein Event und sehen, dass da 400 Leute waren und denken sich: ‚Krass, die müssen echt viel verdienen an der Sache‘. Es ist aber einfach nicht so. Du musst überlegen: Wenn du einen Künstler in so einer Location buchst: cool. Aber wenn du 18 Künstler hast und dann noch Kameramänner, dann ist das ein Riesen-Aufwand für so eine kleine Location. Deswegen ist das nicht so wahnsinnig profitabel. Deswegen ist eben Pay-Per-View eine gute Sache. Das haben wir auch von den Briten übernommen. Viele Sachen – das geben wir auch ehrlich zu – gucken wir uns von Don’t Flop ab.
Hanno: Die sind auch unser internationales Vorbild in der Hinsicht. Wenn da was funktioniert, dann kann man das nehmen. Man lernt aus den Fehlern und guckt sich ie Sachen ab, die gut laufen.

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Papi Schlauch vs. Lyrico beim DISSember

Seid ihr der Meinung, dass es in Deutschland das Potenzial gibt, irgendwann so professionell wie im englischsprachigenen Raum zu werden?
Jamie
: Ich denke schon. RAM ist als Liga auch riesig in Deutschland. Ich denke, dass das Potential da ist, weil HipHop gerade sehr groß ist. Der Markt ist groß, es ist ein großes Land. Dazu gibt es noch Österreich und die Schweiz, die auch interessiert sein können. Das Einzige, was dagegenspricht bzw. ein Vorteil von englischsprachigen Battles ist, dass die eben auch in Amerika interessant sein können, in Australien und generell auf der Welt eine größere mögliche Zuschauerzahl haben, weil wir auf Deutsch beschränkt sind.
Hanno: Wenn Österreich und die Schweiz auch loslegen, dann ist es aber äquivalent, dann wird es gleich international. Aber du kannst nicht Österreich mit Kanada oder die Schweiz mit Großbritannien vergleichen. Trotzdem denke ich, dass es krasser wird, wenn es innerhalb Europas und auch in den deutschsprachigen Ländern etwas größer wird.

„Desto mehr wir weitermachen, desto weniger machen die Judges Sinn“

Nach dem DISSember-Event bestand der Großteil der Posts im Diskussionsforum aus Fragen zu den Ergebnissen der Judges. Wie steht ihr zu dieser ständigen Judging-Diskussion?
Jamie
: Das kann man auch gut mit England vergleichen, wo es mittlerweile gar keine „judged“ Matches mehr gibt. So gut wie nie, außer es muss gedjugt sein, wie bei einem Title-Match. In Amerika und Kanada ist das auch so. Weil die Fans dort mittlerweile so viel davon verstehen, dass sie sich selber ihre Meinung bilden. Und genauso soll’s auch sein. Jeder hat seine eigene Meinung zum Battle. Es fallen keine Tore wie in ’nem Fußballspiel, sodass es einen klaren Gewinner gibt. Wenn es ein gutes Battle ist, wird es immer verschiedene Meinungen geben. Deswegen merken wir, dass desto mehr wir da weitermachen, umso weniger machen diese Judges überhaupt Sinn. Wir hatten beim DISSember schon wieder krasse Battles und bei jedem „judged“ Battle hätte man auch anders judgen können. Jeder schaut sich das Battle an, bildet sich seine eigene Meinung und schaut sich die Jury an, um zu sehen, ob die die gleiche Meinung haben. Und wenn nicht dann schreiben sie: ‚Ach, was für ’ne Scheiß Jury‘. Das macht doch irgendwie keinen Sinn.
Hanno: Außerdem: Wenn da steht „Nedal Nib hat 7-0 gewonnen“, dann spiegelt das überhaupt nicht das krasse Battle wider. Auf Papier ist es immer ganz anders.

Wie hat sich denn in England dieser Wechsel von „judged“ zu „unjudged“ manifestiert?
Jamie
: Genau. Am Anfang dachten viele: ‚Ach Scheiße, warum sind die Judges nicht da?‘. Und irgendwann hat es jeder vergessen. Es hat auch einen Vorteil: Das englische Match bei uns war auch unjudgt. Und in der Facebook-Diskussionsgruppe von Don’t Flop (Jede Liga hat so eine Gruppe, Anm.) gab es nach dem Battle einige Leute, die darüber diskutiert haben. Das Coole ist, dass jeder – weil es keine Jury gibt – eine Review vom Battle schreiben und seinen Sieger küren kann. Das ist dann kein Spoiler, weil es eine Meinung ist. Wegen dem „nicht Judgen“ des Battles gibt es also mehr Diskussion über das Battle und mehr Leute, die sich darüber streiten. Und für die Rapper ist das auch cool, weil es mehr Feedback ist als fünf halb angetrunkene Leute, die direkt nach dem Battle entscheiden.

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Battle-Rap erfreut sich in Deutschland steigender Beliebtheit.

„Ein MC ist ein Freelancer“

Es passt auch nicht wirklich zusammen, dass sich einerseits die Leute über die Judgings aufregen und sich gleichzeitig ärgern, wenn ein Match unjudgt ist, wie bei Henrey vs. Karma. Aber neben diesem Thema ist auch die „Rivalität“ zwischen DLTLLY und Rap Am Mittwoch ein beliebtes Thema bei den Fans. Wird das von den Fans und den MCs künstlich hochgeschaukelt oder was steckt dahinter?
Jamie
: Es gibt viele Rivalitäten zwischen den Ligen, wie zum Beispiel zwischen Don’t Flop und King of the Dot. Es ist relativ normal, dass es sowas gibt, aber schade ist es auch. Für Don’t Flop und King of the Dot war es auf jeden Fall besser für beide, als sie zusammengearbeitet haben. Bei uns mit RAM … was soll man dazu sagen?
Hanno: Es ist einfach etwas sehr Naheliegendes und einfach, das aufzugreifen. Genauso wie fast jeder Battlerapper damit anfängt, zu sagen: ‚Was stellt ihr mir da für einen Gegner hin?‘. Genauso weiß man, dass es eben diese andere Liga gibt, dass es ein bisschen Beef gibt und dass die Leute ziemlich sicher einen kleinen Querschläger gegen die jeweils andere Liga feiern werden.
Jamie: Der Unterschied von anderen Ligen und RAM besteht auch darin, dass sie ein sehr eigenes Format haben. Das kann man nicht wirklich vergleichen mit unserem. Schon allein deswegen sollte man eigentlich beide Ligen schätzen, weil es zwei verschiedene Sachen sind. Aber ich glaube, dass es  deshalb mehr Beef gibt, weil die Leute klar und deutlich eine lieber haben. Wir sind vom Style, vom Aufbau und der Präsentation ganz anders. Ich sag nicht, dass eins besser oder schlechter ist. Beides hat Vor- und Nachteile. Dass wir in der Vergangenheit ein bisschen Probleme miteinander gehabt haben, wollen wir gar nicht leugnen. Es gab schon bisschen Beef zwischen uns und RAM, vor allem am Anfang. Also intern. Aber mittlerweile hat sich das Ganze ziemlich ausgesmootht. Man sieht ja auch, dass Cihan und Tierstar immer wieder bei uns am Start sind. Ich war auch schon öfter bei RAM. So einen richtigen Beef gibt es da nicht und wir haben auch alle eingesehen, dass wir uns auf unsere eigene Plattform konzentrieren müssen.

Eben, dass Tierstar und Cihan auch beim DISSember-Event waren, zeugt schon von einer guten Beziehung.
Jamie
: Das Problem ist einfach, dass es keine unbegrenzte Anzahl an MCs gibt. Darauf läuft es hinaus. Klar wollen beide die besten MCs und die besten Battles. Deswegen ist es klar, dass es manchmal ein paar Komplikationen gibt. Aber mehr auch nicht.

In diesem Zusammenhang enstand auch das Gerücht der Exklusivverträge oder?
Jamie
: Ich will da eigentlich gar nicht so viel darüber reden …
Hanno: Wir haben aufgehört, miteinander über solche Sachen zu reden. Als es sich zugespitzt hat, haben wir einfach gesagt: ‚Okay, sie haben akzeptiert, dass es uns gibt‘ und das war’s dann auch. Ein paar von ihnen kommen zu uns, wir gehen ab und an zu denen und das war’s. Uns ist das absolut egal, mit ihren Exklusviverträgen. Jeder hat seine eigenen Wege, das zu machen.
Jamie: Also persönlich finde ich einen Exklusivvertrag – wie es aufgeschildert wurde – whack. Ich habe das schon einmal gesagt und ich sag das auch ganz offen. Wenn ein Dizaster damals für GrindTime einen Exklusivvertrag unterschrieben hätte, dann wäre er heute nicht der bekannte Battlerapper, der er ist. Er ist nur bekannt geworden, weil er überall und in jeder Liga gebattlet hat. So sollte es auch sein. Ein MC ist ein Freelancer und er soll das machen, was er für seine Karriere für richtig hält und sich nicht binden müssen. Soweit ich weiß, gab es aber gar nicht so einen richtigen Vertrag zu unterschreiben. Es wurde mündlich ausgemacht: ‚Du battlest nur bei uns, dann gibt’s mehr Geld‘. Aber die Liga selbst macht das, was sie für richtig hält. Denen kann man auch keinen Vorwurf machen.
Hanno: Aber es hat ja mit den MCs zu tun. Wenn die Liga so was anbietet, macht das natürlich Sinn für sie. Aber ob das jetzt das Förderlichste für die ganze Szene ist, ist die zweite Frage.

„Rapper sind Künstler, keine Sportler“

Ben Salomo hat das im Interview mit der „Professionalisierung des Sports“ begründet und hat Parallelen zu Sportarten aufgebaut, in denen es am Anfang nur Amateur-Ligen gegeben hat und diese sich (vor allem mit Geldmitteln) nach und nach zu professionellen Ligen weiterentwickelt haben. Wie seht ihr das?
Jamie
: Ich verstehe das Argument der Professionalisierung. Aber ich sehe Battle-Rap nicht als Sport, sondern als Kunst. Rapper sind Künstler, keine Sportler. Als Schauspieler fängst du auch an, umsonst irgendwo mitzuspielen um dich großzumachen. Und wenn Leute anfangen, dich sehen zu wollen, dann zahlen sie dafür. Und die einen zahlen dafür, was sie für richtig halten, und andere zahlen, was sie können und für richtig halten. Aber das heißt nicht, dass ein Produzent sagt: ‚Du spielst nur noch in meinen Filmen mit‘. Das hilft keinem was. Vielleicht dem Produzenten. Aber für die Szene ist es nicht förderlich.

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Das erste Title-Match Deutschlands: Nedal Nib vs. Brian Damage

Wie steht ihr eigentlich persönlich zu den Gimmick-Battles (zum Beispiel Bad Bars, Compliments), die ihr ja bis jetzt als einzige deutschsprachige Liga veranstaltet? Wie wichtig sind diese Battles für die Szene und deren Lockerheit?
Hanno
: Es ist schon mal wahnsinnig wichtig für die Lockerheit, wie du schon sagst. Außerdem: Du musst auch für die normalen Battles kein besonderer HipHop-Fan sein, um sie zu mögen. Aber so ein Bad-Bars-Battle hat noch was Zugänglicheres als ein Standard-Battle. Es sollte aber nie zum Standard werden, dass es nur noch Gimmick-Battles gibt. Ab und zu ist es aber absolut wichtig. Es lockert die ganze Sache auf und gibt noch neue Angles. Nach dem ersten Compliments-Battle wollten dann plötzlich alle Compliment-Battles machen …
Jamie: … oder jeder Bad-Bars.
Hanno: Das ist auch Scheiße. Das geht nur ganz selten. Die Qualität muss auch verdammt gut sein, sonst macht das überhaupt keinen Spaß, sondern ist wirklich nur peinlich.
Jamie: Schon mehrere Leute haben gesagt, sie würden gerne ein Bad-Bars-Battle machen, aber ich glaube, das Einzige was wir gern nochmal als Bad-Bars-Battle sehen würden, wäre ein Rematch zwischen Bong Teggy und Brian Damage. Es gibt viele Leute – ich will jetzt keine Namen nennen – die sagen, sie wollen ein Bad-Bars-Battle machen, dann ein normales Battle machen und zur Hälfte dann eh Bad-Bars haben. Es muss klar sein, dass die Leute, die so ein Bad-Bars-Battle machen, auch wirklich krasse Bars bringen können. Sonst ist die Ironie gar nicht da. Solange es ein Gimmick und selten bleibt, find ich’s cool. Man darf’s auf jeden Fall nicht übertreiben.

Und wie steht ihr generell zu Gimmicks à la Daylyt, auch Antics genannt?
Jamie
: Naja, ich finde bei Daylyt ist es einfach verschwendetes Talent. Weil er mega, mega, megagut ist und immer noch so ein Gimmick reinbringt, um mehr Aufmerksamkeit zu kriegen. Was auch klappt, aber für so einen richtigen Fan echt schade ist, weil er gut rappen kann und die halbe Zeit mit irgendeinem Kostüm verschwendet. Ich bin nicht so ein Fan von „Props“ oder „Gimmicks“, aber man kann es auch nicht so generalisieren. Es gab auch schon Beispiele, wo das richtig gut geklappt hat.

Aber seid ihr froh, dass den deutschen Ligen sowas noch erspart geblieben ist?
Jamie
: Bruf hatte mal in seinem Newcomer-Match eine Tasse Tee, von der er gesippt hat. Bisschen Image-Style.
Hanno: Ich fand das ehrlich gesagt ganz gut. Aber auch nur, weil’s was anderes war. Wenn jetzt jeder demnächst mit ’ner Tasse Kaffee kommt, ist es auch wieder Scheiße. Da fand ich’s überhaupt nicht störend, aber generell bin ich auch nicht so der Fan von irgendwelchen Gimmicks. Oder Sachen auszudrucken und irgendwie zeigen. Das kommt ja eh nicht rüber. Dann hast du das Ganze auf so ’nem Stück Scheiße aufgebaut, was du ausdruckst. Zeigst es rum. Die Hälfte der Crowd sieht’s nicht, die Kamera sowieso nicht. Dann legst du’s hin, die Hälfte redet drüber und dann war’s das.
Jamie: Ein gutes Beispiel ist auch Battleboi Basti, der wirklich krass gut ist bzw. einer der Besten, aber ich fand es persönlich besser, als er im 2on2, als er selbst gerappt hat, als im letzten Battle, wo er dann mit der Brille und der Kinderstimme gerappt hat. Ein Battle ist so etwas Persönliches, man steht da ohne Beat, ohne Maske, ohne Mic und da finde ich’s cool, wenn man man selbst ist.

„Ich würde mir wünschen, dass die Community interaktiver wird“

Ihr habt auch andere Formate wie „Re-Watching Classics“ oder die Diskussionsrunden. Wie wichtig ist es für die Kultur, wenn darüber auch gesprochen und reflektiert wird?
Jamie
: Wir würden davon gerne viel mehr machen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Eigentlich würde ich mir wünschen, dass viele andere Leute auch Blogs dazu machen und vor ’nem Battle vielleicht so Prediction-Blogs filmen würden, wie in England und Amerika. Dass da die Community viel interaktiver ist. Das passiert aber auch schon ein bisschen in der Facebook-Diskussionsgruppe, wo die Leute viel darüber sprechen. Aber es ist sicher wichtig, den Leuten auch was zu zeigen und die Meinung der Rapper zu hören, die Ideen hinter den Bars …

Ihr habt abseits eurer Battle-Tätigkeit auch ein Label gegründet, Ear-Sight. Inwiefern ist das mit DLTLLY verknüpft?
Hanno
: Es ist eine sehr instrumentallastige Sache. Aber klar gehört es zu DLTLLY. DLTLLY steht gerade für Battle-Rap. Ursprünglich haben wir mit DLTLLY aber gar keinen Battle-Rap gemacht. Da war es Musik, Musikvideos, Interviews, usw… Und wir wollten mit Ear-Sight wieder ein bisschen zurück dahin. Es heißt zwar anders, aber es ist immer noch DLTLLY.
Jamie: Es ist auch am gleichen Kanal. Wir wollten nicht, dass wenn wir  Produzenten schreiben, ob sie Bock auf unser neues Beat-Format haben, draufklicken und sich direkt denken: ‚Ach, das ist ’ne Battle-Plattform‘. Wir haben lange diskutiert. Ich wollte eigentlich alles unter „Don’t let the label label you“ machen, weil es damals das eigentliche Ziel war, DLTLLY als HipHop-Plattform aufzubauen und nicht als Battle-Rap-Plattform. Aber Hanno hat mich dann überzeugt, dass es besser ist, unter einem „Umbrella“ mehrere Sparten zu haben, damit man nicht so abgestempelt wird.
Hanno: Aber das Ganze ist noch absolut in den Kinderschuhen. Bis jetzt hatten wir nur diese „Beats on road“ und jetzt müssen wir mal schauen, wie alles weitergeht.
Jamie: Wir werden auf jeden Fall weiterhin Beat-Sets machen. Aber auch Rapper promoten, Konzertveranstaltungen vielleicht und mit dem Label vor allem auch Musik pressen. Wir würden wahrscheinlich mit Beattapes anfangen, wegen des Beat-Formats. Mal sehen, was draus wird. Ursprünglich war ja DLTLLY auch für uns gedacht, wir haben früher ja auch Mucke gemacht und wollten darüber was releasen. Das hat dann nicht geklappt, weil wir so wenig Zeit haben.

Wollt ihr euch auch videotechnisch weiterentwickeln?
Jamie
: Ja auf jeden Fall. Musikvideos, mehr Talkshows vielleicht. Wir haben echt viele Ideen. Im besten Fall haben wir irgendwann jeden Tag ein Release auf DLTLLY. Im Endeffekt geht es darum, ein bisschen mehr Geld zu verdienen, bis wir Leute einstellen können, um die Arbeit zu machen, die wir jetzt gerade machen. Das day-to-day-Zeug. Was nicht unbedingt das Kreativste ist, aber gemacht werden muss. Wenn wir diese Schwelle erreicht haben, dann haben wir auch mehr Zeit, neue Projekte zu starten.

Und wie geht es mit DLTLLY als Battle-Format weiter?
Jamie
: Also bis jetzt ist es so, dass sich jedes große Event gesteigert hat. Wir hatten einmal im Jahr die Birthdays, die recht groß waren. Jetzt haben wir das Mayhem und das DISSember-Event. Das sind schon mal drei jährliche Events, die immer groß sein werden.
Hanno: Splash auch.
Jamie: Die Idee ist, diese vier Events im Jahr zu nehmen, wo man probiert, killer Line-ups zu haben und zwischendrin einmal im Monat ein Event, wo es ein bis zwei Main-Battles und ein paar kleinere Battles gibt.

Ihr seid monatlich in einer anderen Stadt. Zahlt sich das auf Dauer aus, so viel unterwegs zu sein, wenn es sowieso diese vier Fixtermine gibt, die funktionieren?
Hanno
: Ironischerweise haben wir beim DISSember Minus gemacht und machen bei den kleinen Events, wo halb so viele Leute kommen, Plus. Man arbeitet sich in jeder Stadt von Klein hoch, mietet erstmal das kleinste Ding, um es vollzukriegen und wird dann größer. Dort ist das Risiko aber auch kleiner, die Fixkosten sind geringer. Es hat alles Vor- und Nachteile. Klar ist es geil, in eine neue Stadt zu kommen und plötzlich hast du da 100 Leute stehen, ohne Werbung dafür gemacht zu haben. Es ist  immer noch sehr klein, aber es ist geil, das deutschlandweit zu machen. Das eine ist mit dem anderen kaum zu vergleichen. So geil so ein großes Event auch ist, ein kleines Event hat diese Intimität. Kein Mikro, alles viel familiärer und ein ganz anderer Vibe, den ich zum Teil auch viel mehr feier.
Jamie: Auch wenn wir groß genug wären, würden wir niemals sagen, dass wir die kleinen Events auslassen und nur noch solche großen Events machen.

Werden den großen Events auch zu große Erwartungen entgegengesetzt?
Jamie
: Vielleicht. Aber hauptsächlich sind die großen Events einfach nicht profitabel. Es lohnt sich natürlich trotzdem, weil es sich mehr rumspricht und man als Liga wächst. Auch PPV (Pay per View, Anm.) bringt mehr ein. Dadurch gleicht es sich wieder aus. Aber es ist viel mehr Stress, viel mehr Arbeit und weniger Geld. Und diese Mics nehmen auch was von der Atmosphäre weg.

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