Alltagsgeschichten aus dem „Hexenkessel“ // Review

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recordJet // VÖ: 13. 2. 2017

Als Brenk Sinatra & Morlockk Dilemma Ende des vergangenen Jahres ihr gemeinsames Release „Hexenkessel“ angekündigt haben, ließen sie einige Heads mit dieser Nachricht aufhorchen. Die beiden routinierten Musiker sind schließlich bekannt für ausgefeilten Output und so erschien auch die Wahl eines urbanen Themas stimmig, zählen doch Szenerien einiger spannender Städte wie Wien, Leipzig und Berlin zu ihrem Erfahrungspool. Um Spannungen geht es auch in ihrer Musik. Sie werden von Morlockk Dilemma in Verbindung mit einer Menge Gesellschaftskritik in anonyme Kurzgeschichten verpackt und schallen, angetrieben von Brenk-Brettern, durch die Straßen des Hexenkessels. Wie sie vorab im The-Message-Interview verkündet haben, erzählen sie von der Großstadt und bearbeiten dabei spitzfindig Tragödien, wie beispielsweise die Geschichte vom Serienmörder Jack Unterweger auf dem Track „Jack“. Brenks hochkarätige Beats, kombiniert mit Morlockk Dilemmas komplexen Reimkonstrukten, ergeben eine Doppel-EP, welche die Hörer mitnimmt. Sie erzählt szenisch Geschichten, die sich fernab von Moral zwischen Armenhäusern, Bordellen und finsteren Ecken einer Stadt abspielen.

Sinnbildlich wird im Text das Augenmerk auf eine aggressive Grundhaltung gelegt Austeilen und Einstecken beziehungsweise Ausschenken. Schließlich können im „Hexenkessel“ auch von Spirituosen nicht die Finger gelassen werden, wie von so ziemlich allem anderen im beschriebenen Milieu. So versetzt uns Morlockk Dilemma nämlich in die Sichtweisen verlorener Großstadtseelen, wie unter anderem auf dem Track „Cognac„, in dem über einem deepen Beat und einer heulenden Gitarre über eine gewaltbereite Umgebung berichtet wird. Der Protagonist des Musikstücks befindet sich immer wieder im Zustand der Orientierungslosigkeit und bezieht seine Motivation aus der Flasche eine explosive Mischung, die unter Lyrikern jedoch eine Geschichte hat und wie die Faust aufs Auge passt. Doch auch abseits davon geht es Schlag auf Schlag, wie beispielsweise der Track „Abschiebehaft“ mit einem Feature von Karate Andi zeigt.

„Abschiebehaft“ behandelt textlich ein weiteres Großstadt-Thema: Die schier jeden Reim extremer werdenden Einstellungen im urbanen Dschungel des Hexenkessels. Es wird gleichermaßen aus der Sicht von Drogenkurieren, süchtigen Yachtbesitzern und anderen Bewohnern einer verrücktgewordenen Welt und von einer Stadt, die „von der Hand in den Mund bis zum Wohlstandsbauch“ lebt, erzählt. Morlockk Dilemma und Karate Andi beschreiben eine Welt der Extreme, die sich gut im urban gehaltenen Themenpool der Doppel-EP einfügt. Womöglich ist der Track im weiteren Sinn auch als Kritik an der Musikindustrie zu sehen:

Geschwollene Brust, das Siegergrinsen aus Katzengold
Sind so was wie diese Stiebertwins auf Kanackendeutsch
Komm, lüg dir in deinen Videosingles die Taschen voll
Batty boy, doch deine Siegelringe sind Gassenzoll

Härtere Nummern wie „Eisbein und Grasovka“ und „Geschenk an die Welt“ wechseln sich mit ruhigeren und sentimentaleren Tracks wie „Hochhausrotwelsch“ oder „Augenweide“ ab. Ein urbaner Mix, der an den bereits beschriebenen Tracks thematisch anschließen kann. Auch wenn die Komplexität der Texte einige beim ersten Hören verschrecken könnte, schafft es die Doppel-EP, den Faden nicht zu verlieren und atmosphärisch in verschiedene Soundgefilde mitzunehmen. Immerhin war mit Brenk ein Produzent am Werk, der nicht nur in Wien als ein Meister seines Fachs angesehen wird, erfreut er sich doch seit geraumer Zeit auch internationaler Bekanntheit. Auch das Schaffen von Morlockk Dilemma wird in der Szene seit längerer Zeit geschätzt, unter anderem für dessen Ausgefeiltheit. Die Art und Weise der Erzählung, die in Form eines durchgehend namenlosen Handlungsablaufs gehalten ist, erfasst den Kern der erzählten Geschichten, statt unnötige Details zu erörtern. Dadurch kann die Essenz der Geschichten verstanden werden, gleichzeitig wird Platz für eigene Ideen und Gedanken gelassen. Vielleicht wäre es sonst auch nicht möglich, Morlockk Dilemmas Reimtechnik-Verliebtheit und die durchaus komplexen Themenansätze der EP angemessen zu verarbeiten.

Fazit: Die konsequent städtisch-düstere Atmospähre ist beeindruckend und lässt Vorfreude auf die Live-Shows aufkommen. Auf musikalischer Ebene trägt die Präsenz von Brenk, in Form von vielseitigen sowie durchwegs stimmigen Beats und Skits, besonders zum Flair von „Hexenkessel“ bei. Morlockk Dilemma hat sich lyrisch einem breit gefächerten Feld gewidmet, das einen passenden Rahmen zum Austoben bietet. Er drückt sich flowgewandt in vielen Reimketten aus, wobei zeitweise ein paar Wiederholungen nötig sind, um die Aussagen in ihrer Gesamtheit zu begreifen. Vielleicht ist die Doppel-EP genau deswegen umso hörenswerterer, sorgen vielschichtige Blick- und Ausdrucksweisen doch für Abwechslungsreichtum und eine hohe Aufmerksamkeit beim Zuhören.

4 von 5 Ananas
4 von 5 Ananas

Am 10. März präsentieren Morlockk Dilemma und Brenk Sinatra „Hexenkessel“ im Rahmen ihrer Releaseparty das erste Mal live im B72 in Wien.

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