Arca – Mutant // Review

Mutant
(Mute Artists Ltd./VÖ: 20.11.2015)

Was haben Kanye West, Björk und FKA twigs gemeinsam? Zunächst eine gewisse Extravaganz, natürlich. Fernab dessen vertrauen alle drei auf die Produktionen des Venezolaners Alejandro Ghersi bka Arca, der mit seinen befremdlich wirkenden Soundskizzen sowohl Kanyes „Yeezus“, FKA twigs „LP1“ und Björks „Vulnicura“ bereicherte. Arca baut schließlich Beats, die futuristischer nicht klingen könnten und gleichsam, durch ihre Sperrigkeit, eine besondere Ästhetik vorweisen. In seinen Solowerken geht der Neu-Londoner sogar noch einige Schritte weiter und reisst jegliche Grenzen nieder, wie er letztes Jahr auf seinem Debütalbum „Xen“ eindrucksvoll bewies. Das zudem starke Spuren von Freund und kreativen Partner Jesse Kanda aufwies, der auf dem Nachfolger „Mutant“ erneut die visuellen Aufgaben übernimmt.

So fiel auch die Covergestaltung in den Zuständigkeitsbereich Kandas, der rote Knetmaße zur Erschaffung eines „Mutanten“ vermengte. Mit Mutant wurde das Grundaussage des Albums gut getroffen, durchliefen die Soundlandschaften Arcas, im Vergleich zu „Xen“, ebenfalls einen Wandlungsprozess. In einem Interview mit dem Rolling Stone benannte er diesen als außerordentlich massiv – er würde Verständnis aufbringen, wenn viele der „Xen“-Liebhaber nichts mit „Mutant“, auf dem sich Ghersi extrovertierter als zuvor zeigen will, anfangen könnten. Nur: Fernab der Klangfarbe, die tatsächlich hie und da menschlichere Züge annimmt, besteht in „Mutant“ keine totale Kehrtwende zu „Xen“. Arca bleibt seiner Sperrigkeit treu und kreiert Soundlandschaften voller Facettenreichtum und Spannung, mit Hang zur Kälte und einem Hauch von Wärme. Mit Rückgriff auf tierischem Gezirpe, Rauschen, gespenstischen Vocals (auf „Umbilical“ fast schon fröhlich) und einer Vielzahl weiterer, ungewöhnlicher Soundeffekte, die sich auf „Mutant“ zu einem kohärenten Ganzen vermengen. „Vanity“, einer der eingängigsten Tunes, bringt neben Claps auch Explosionen ins Spiel – ein Feature, das Arca für den über sieben Minuten langen Titeltrack am stärksten benützt. Dichotomisch zum Lärm greift er darin auch auf das Element der Stille zurück, die jeweils für wenige Sekunden Einzug hält – und stets mit einem abrupten Sirren endet. „Snakes, das Arca immer an Björk erinnert (weil beide das gleiche chinesische Tierkreiszeichen haben), haftet sogar eine gewisse Eingängigkeit an. Allerdings reisst Arca in „Snakes“ seine Konstruktion auf halbem Wege wieder ab. Kein Einzelfall, denn wie auf „Xen“ finden Ghersis „Beats“ auch auf „Mutant“ ein schnelles, unerwartetes Ende. In der Nichtabgeschlossenheit der Sounds und der Kürze der Tracks liegt ein bewusstes Stilmittel, denn „I’m an enemy of something repeating in the exact same way or too long, because you lose access to a particular kind of feeling of unpredictability or discomfort“, wie Arca dem Rolling Stone erzählte.

Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum Arca mit „Mutant“ eine der beeindruckendsten elektronischen Alben der letzten Jahre glückte. Ein Album, sperrig und keineswegs einfach zu hören. „Mutant“ verlangt nach der Geduld des Hörenden, der sich im Regelfall erst auf die Soundlandschaften, die nur in ihrer Gesamtheit die volle Wirkung entfalten, einlassen muss. Dies ist gewiss mit einigen Mühen verbunden – aber die sind es wert.

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