„Wir sind nicht pro-deutsch“// Antilopen Gang Interview

Antilopen Gang by Daniel Shaked © 2016-4912
„Niemand redet mit Skinheads“, beschwert sich Danger Dan (li.) aufgrund seines T-Shirts

Als Einfluss geben Koljah, Danger Dan und Panik Panzer von der Antilopen Gang den Restaurantester Christian Rach an, und meinen, dass Geld ein wichtiges Interesse der Band sei. Auch ihre Songs strotzen vor Selbstironie, Sarkasmus und Doppeldeutigkeiten – sehr oft mit gesellschaftskritischen Seitenhieben versehen. Die drei Rapper, die auf dem Label der Toten Hosen gesignt sind, haben uns nach ihrem Auftritt beim diesjährigen HipHop Open Austria in Wiesen einiges erzählt. Über ihr Engagment in Die Partei, Georg Kreisler, die „Total-Katastrophe“ in der Türkei, kritische Auseinandersetzung mit dem Deutsch-Sein und antifaschistischen Selbstschutz. Und zum Abschluss dieser ernsthaften Diskussion streitet sich das Trio, wie man denn das Wort Bolognese richtig ausspricht. Typisch Antilopen Gang eben.

Interview: Julia Gschmeidler & Emil Delivuk
Fotos: Daniel Shaked

The Message: Pierre Sonality meinte uns gegenüber im Interview, dass Rap in erster Linie Flow haben muss. Die Welt zu retten überlasse er getrost der Antilopen Gang.
Koljah:
lacht. Das ist nett. Wir wollen die Welt retten und den Flow überlassen wir Pierre Sonality. Das trifft sich doch hervorragend.

Obwohl du auch mal genau dasselbe gesagt hast in einem Interview: Dass Rap in erster Linie tighte Flows brauche.
Koljah:
Musik, die Inhalte transportiert, wird für mich in dem Moment uninteressant, wo die Musik Scheiße ist. Als Musikhörer würde ich mir im Zweifel einen coolen Rapsong anhören, der keine krasse Message hat, bevor ich mir einen verkrampften Message-Song anhöre, wo der Rapper nicht rappen kann.

Danger Dan: Im schlimmsten Fall ist beides Scheiße. H.C. Strache hat’s ja gut vorgemacht.

Denyo meinte letztens zu uns, man sollte keinen politischen Rap machen, sondern politische Lines in Popsongs verpacken, wenn man Leute erreichen möchte.
Koljah:
Ich verstehe, worauf er hinaus ist. Gerade wenn man ein Mainstream-Publikum erreicht, kann man natürlich unterschwellig mit einer Zeile einen Inhalt transportieren, als wenn man drei Minuten auf einem Thema herumhackt. Retrogott oder Savas haben immer nur Battle-Rap mit einer Punchline gemacht, wo sie ihre Meinung sagen. „Biten ist wie wählen, man bildet sich ein, es hilft“ von Savas zum Beispiel. Das ist besser, als einen Fünf-Minuten-Themen-Song zu machen, in dem man den Parlamentarismus kritisiert und sich übers Wahlsystem ausführlich auslässt.

„Die Grünen sind als Regierungspartei unbrauchbar“

Parlamentarismus kritisieren wäre schwierig bei euch, ihr sagt ja, dass ihr nicht wählen geht. Wie viel Substanz steckt in dieser Aussage?
Danger Dan:
(überlegt) Wir wissen nicht, wen wir wählen sollen.

Aber stimmt es, dass zwei von euch Mitglieder von Die Partei sind? Wie lässt sich das vereinbaren, dass man selbst nicht wählen geht, aber einer Partei angehört?
Danger Dan:
Der eine war bekifft, als er unterschrieben hat, der andere war in einem merkwürdigen Zustand. Die-Partei-Leute kamen in den Backstage-Bereich und haben so viele Joints geraucht, dass alle, die drumherum saßen, stoned waren. In dem Zusammenhang konnte sich ein Teil der Gang nicht verkneifen zu unterschreiben. Ich hingegen bin vollkommen immun und würde niemals der Partei Die Partei beitreten. Es sei denn, ich bekomme einen sehr hohen Posten. (lacht)

Koljah: Als ich wahlberechtigt wurde, bin ich die ersten zwei Mal noch hin und habe einen Anarcho-Aufkleber auf die Wahlkarte geklebt. Das war mir dann irgendwann zu blöd und bin lieber zuhause geblieben und habe gekifft. Dann habe ich aber tatsächlich mal Die Partei gewählt. Ist aber auch kein richtiges Dogma, ich würde vielleicht auch mal realpolitisch wählen, wenn’s ganz dringend ist. In Österreich ist das vielleicht das Ding, wenn man einen Bundespräsidenten verhindern will.

Panik Panzer: Wenn’s in Deutschland so was wie eine Stichwahl gäbe, dann würde ich vielleicht auch wählen gehen. Ansonsten bin ich eher Verzweiflungs-Partei-Mitglied, weil ich vorher keine Alternative hatte. Dann bin ich einmal aus Versehen wählen gegangen und habe mich tierisch geärgert danach.

Danger Dan: Ich habe einmal gewählt, als ich gerade 18 wurde. Da habe ich die Grünen in die Regierung gewählt.

Koljah: Na toll, du warst das. (lacht)

Danger Dan: Das war total dumm. Es tut mir auch megaleid, danach gab’s den ersten Angriffskrieg von Deutschland. Alles ist vor die Hunde gegangen und ich bin schuld. Die Grünen sind als Regierungspartei unbrauchbar. In der Opposition hatten sie hie und da noch Substanz, aber als Regierung machen sie denselben Müll. Sie sind gezwungen, Realpolitik zu machen, aber haben mit ihren Ursprüngen als abgefahrener, pluralistischer Haufen nichts mehr zu tun. Stattdessen gibt es normale Sozialdemokratie.

Koljah: Obwohl schon der Ursprung das Problem war, weil die Gründung der grünen Partei bedeutet, dass wir den parlamentarischen Weg gehen und versuchen, von innen heraus das System zu ändern. Das war der Fehler. Wären die Grünen alle in die Rote-Armee-Fraktion eingetreten, dann hätte mir das besser gefallen.

„Martin Sonneborn ist der Einzige, der inhaltlich Wertvolles von sich gibt im Europaparlament“

Wie seht ihr die Funktion von Die Partei im Europaparlament?
Danger Dan:
Martin Sonneborn hält dort doch vortreffliche Reden. Das ist amüsant. Ab und zu guck ich mir Martin Schulz an, der ist teilweise auch swaggy und macht zwischendurch ganz gute Witze. Er hat auch einen ähnlichen Akzent wie ich, kommt aus dem Nachbardorf. Aber Martin Sonneborn ist der Einzige, der inhaltlich Wertvolles von sich gibt im ganzen Europaparlament.

Aber wie viel Ironie verträgt Realpolitik?
Koljah:
Sonneborn schafft das ganz gut, ein paar Themen auf den Tisch zu bringen und ein paar Leute zu irritieren. Das ist nicht nur Spaß-Partei, sondern im Endeffekt macht er Politik, wenn er Antisemiten und Rassisten bloßstellt. Das hat durchaus einen Effekt, wenn die Rede die Runde macht und er die richtigen Leute blamiert. Dann hat er wahrscheinlich mehr erreicht als andere Abgeordnete, die da so rumsitzen.

Zur Bundespräsidentenwahl in Österreich hast du, Danger Dan, am 22. Mai „Wien ohne Wiener“ von Georg Kreisler geopostet. Wieso gerade dieser Song?
Danger Dan:
Er erzählt, dass Wien eine sehr schöne Stadt ist, das Problem aber die Wiener sind und schlägt vor, dass man sie mit Messern umbringen könnte, dann wäre Wien noch besser. Ich muss aber auch dazusagen, dass ohne die Wiener diese Wahl anders ausgegangen wäre. Ich kenne mich tatsächlich mit Lokalpolitik in Wien ein bisschen aus, weil ich mal eine längere Affäre hier hatte. Ich fand das trotzdem eine ganz gute Idee,  so habe ich alle Leute noch einmal aufgerüttelt. Sie haben gedacht, sie werden abgestochen und haben dann richtig gewählt. So habe ich auch Österreich gerettet, das ist schon in Ordnung von mir.

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Woher kennst du Georg Kreisler?
Danger Dan:
Ich bin ein großer Freund von ihm. Als ich früher im Theater gearbeitet habe, habe ich mir von meinem Vater die Diskografie schenken lassen. Ich finde ihn einfach lustig, er gefällt mir.

Versteht man ihn auch, wenn man diesen Wiener Background nicht hat?
Danger Dan:
In erster Linie ist er Antifaschist und bezieht sich deswegen so oft auf Österreich und Wien,  weil er beides stark hasst. Mindestens die Hälfte aller Österreicher sieht das wahrscheinlich anders. Man kann schon was kapieren, die älteren Musicals wie „Heute Abend Lola Blau“, die sich in der Zeit abspielen, wo Österreich noch ein Nazi-Österreich war und zu Groß-Deutschland gehört hat. Er hat erst nach dem Krieg angefangen, Österreich zu Recht zu hassen.

Wie seht ihr generell die Entscheidung vom Verfassungsgerichtshof, dass die Stichwahl zur Gänze aufgehoben wurde? Das ist ja einzigartig in Westeuropa.
Danger Dan:
Ich widerspreche mir so stark, wenn ich sage, dass ich nicht wählen gehe und parlamentarische Demokratie nicht mein Mittel ist. Aber wenn man sich auf so was einlässt, ist es ganz geil, dass Wahlen so ablaufen, dass sie fair sind. Ohne eine gewisse Rechtsstaatlichkeit funktioniert das nicht, sonst funktionieren die Wahlen so ähnlich wie in der Türkei, wo es auf einmal Stromausfälle gibt, ganze Stadtteile systematisch von Wahlen abgeschnitten sind, Bomben am Wahltag in linken Parteibüros hochgehen. Da brauchst du auch gar nicht wählen. Entweder du machst es richtig, oder du lässt es sein.

„Erdogan versucht, sein Gottesstaat-Diktatur-Ding in einer rasenden Geschwindigkeit aufzuziehen“

Bezüglich der Türkei meintest du, Koljah – ohne Satire und ernst gemeint – dass Erdogan ein Arschloch sei.
Koljah:
Oh, jetzt bringst du mich in Schwierigkeiten. (lacht)

Wie schätzt ihr generell die Situation in der Türkei ein? „Molotowcocktails auf Bibliotheken“– dort wurde unter anerem eine  Bücherhandlung gestürmt und verwüstet.
Koljah:
Das ist furchtbar. Erdogan versucht, sein Gottesstaat-Diktatur-Ding in einer rasenden Geschwindigkeit aufzuziehen nach diesem Putsch. Es wäre zu wünschen, dass ihm das nicht gelingt. Gerade kommen nur finstere Nachrichten und Bilder aus der Türkei. Wie soll man das als halbwegs vernünftig denkender Mensch anders bewerten, als dass es eine Total-Katastrophe ist.

Zugezogen Maskulin hat den Track „Ratatat im Bataclan“ veröffentlicht und es geht darum, dass Opfer in Europa anders bewertet werden als in Kriegsgebieten im Nahen Osten.
Panik Panzer:
Ah, jetzt verstehe ich das Lied erst.

Von den Zahlen her ist es eindrücklich, dass in den vergangenen 13 Jahren im Irak 43.000 Menschen durch Terror gestorben sind und in Westeuropa 420. Inwiefern transportieren die Medien eine unterschiedliche Wertigkeit von Opfern?
Koljah:
Mir geht die Aufzählerei auf den Geist und dass du Leuten den Vorwurf machst, auch traurig sein zu müssen. Natürlich ist jedes Opfer zu beklagen, aber Brüssel ist näher an Düsseldorf und Köln als Bagdad. Es wäre zu wünschen, dass die Leute das global betrachten und in einen Zusammenhang stellen, weil natürlich alles miteinander zusammenhängt.

Danger Dan: Der Schock, den ich bei den Pariser Anschlägen hatte, war bei den Attentaten in Brüssel gar nicht mehr so groß. Auf einmal gibt es ein Auto, das in Nizza hunderte von Menschen überfährt – ein unglaublich schreckliches Ereignis – und ich merke, wie ich immer mehr abstumpfe. Die Terrormeldung aus Bayern, wo einer mit der Axt Leute umbringt, ist für mich schon fast eine Randnotiz und wurde total überschattet vom Putschversuch in der Türkei. Wer weiß, wie schnell das zur Normalität werden kann.

„Künstlersein befähigt nicht zwangsläufig dazu, treffende politische Analysen zu machen“

Um noch einmal auf die Wirkung der Medien einzugehen: Im Zuge der Anschläge hat man eine sehr starke Vereinfachung und ein über einen Kamm Scheren gesehen. Seht ihr euch als Künstler, die etwas zu einer Differenzierung beitragen können?
Danger Dan:
Ich glaube nicht, dass ein Künstlersein zwangsläufig dazu befähigt, treffende politische Analysen zu machen. Gerade aus dem Rapbereich. Da wünsche ich mir nicht, dass den Rappern die pädagogisch politischen Maßnahmen überlassen werden, da müssen ganz andere Institutionen sensibilisieren. Ich selber bin auch eher ratlos. Ich bin ein ganz normaler dummer Mann. Hätte ich die Möglichkeit, die Welt das denken zu lassen, was ich auch denke, bin ich mir nicht mal sicher, ob das richtig wäre.

Wäre es denn ein guter Schritt, Medienkunde oder Politik als Schulfach zu etablieren?
Danger Dan:
Wie gesagt, ich habe keine Lösung. Man sieht in Gebieten, wo es überhaupt keine Leute mit Migrationshintergrund gibt, einen unglaublich großen Anteil an Rassisten, die Kritik am Islam mit Rassismus verwechseln. In Berlin-Neukölln, wo ich länger gewohnt habe, ist mir das nicht so stark aufgefallen. Da gibt es schon auch AfD-Leute und Nazis, aber nicht in dem Ausmaß wie im Freital, wo kein prozentual messbarer Anteil an Muslimen wohnt.

Apropos AfD: Als Eko Fresh seinen gleichnamigen Track rausbrachte, meinte Danger Dan, er hätte sich mit dem Song selber für die Partei qualifiziert. Eko Fresh antwortete darauf, dass das immerhin noch Battlerap sei und man dürfe so Parteien wie die AfD nicht mit Samthandschuhen anfassen.
Danger Dan:
Es gibt Rapper, denen man viel dringender auf die Finger hauen müsste als Eko. Ich bin an dem Morgen aufgewacht, habe das gelesen und gedacht ‚Ach du Scheiße’. Ich halte das für politisch sehr fragwürdig und habe mich gefragt, ob das die richtige Strategie ist. Ich würde das einfach so belassen. Ich höre mir lieber Eko-Songs über Anschläge in der Kölner Kreuzstraße an, immerhin ist er einer der wenigen Rapper, der sich mit der NSU auseinandersetzt.

Koljah: Da war Eko neben uns einer der einzige Rapper, bei dem es um die NSU ging.

Danger Dan: Kutlu Mafia (Kutlu Yurtseven von Microphne Mafia, Anm.) und Refpolk. Interessant, dass sich kein Rapper dazu äußert und dass es so wenig Thema ist, obwohl es ein Riesenskandal ist.

„Antideutsch ist so ein komischer Kampfbegriff“

Nach eurem mit viel Aufmerksamkeit behafteten Auftritt in der Tagesschau gab es Kritik von Links und Rechts. Wie geht ihr mit Kritik an der immer wieder bemängelnden Anti-deutschen Haltung um?
Koljah:
Die Frage ist, was damit gemeint ist. Das Wort antideutsch kommt von Links und Rechts als Diffamierung. Man sollte eher über konkrete Inhalte reden. Ich finde es gut, sich kritisch mit dem Deutschsein auseinandersetzt. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass das mit antideutsch gemeint ist. Antideutsch ist so ein komischer Kampfbegriff, der über alle politischen Grenzen hinweg geäußert wird. Ich glaube, ich kann für uns alle sprechen. Wir sind nicht pro-deutsch.

Zu welcher Mannschaft habt ihr dann beispielsweise bei der Fußball-EM gehalten?
Koljah:
Ich hatte keinen klaren Favoriten, aber ich war auch nicht krampfhaft dafür, dass Deutschland rausfliegt. Ich habe mich für die EM als solches interessiert und fand es okay, dass Portugal das Ding gemacht hat. Ich hatte große Sympathien für Ronaldo. Mir hat das auch total gefallen, dass er rausgefallen ist, den Trainer imitiert und seine Show gemacht hat. Ich finde auch Ibrahimovic geil, superunterhaltsam. Ich kann mir die EM auch aus einem sportlichen Aspekt anschauen, ohne Deutschland-Flaggen zuhause zu haben.

Danger Dan: Ich hätte einen Vorschlag: Wenn man die Mannschaften anders zusammenstellt: eine Hasen-Mannschaft, Bären-Mannschaft, Baum-Mannschaft – ohne Nationalitäten. Dann geht’s am Ende um Fußball und du kannst dir die Mannschaft aussuchen, die du am sympathischsten findest. Die Fanatiker, die ihren Patriotismus in den Fußball reinlegen, wirst du ganz schnell los und dann geht’s wieder um Fußball. Ab dem Moment könnte ich mir eventuell vorstellen, mich dafür zu interessieren. Ich mag lieber so etwas wie Bowling oder Angeln. Es gibt auch Zusammenhänge zwischen nationalen Fußballspielen und neonazistischer Gewalt. Alleine das macht das ganze Event total unsympathisch.

Antilopen Gang by Daniel Shaked © 2016-4922Im Rahmen eures Auftritts beim FM4-Geburtstagsfest im Jänner meinte Danger Dan, dass man den Rechtspopulisten auf die Fresse hauen solle.
Danger Dan:
Wenn die Rechtspopulisten das umsetzen, was sie subtil androhen, wenn sie anfangen, Feuer zu legen oder sich mit Gewehren an die Grenze zu stellen, dann haben sie ein paar auf die Fresse verdient. Man sieht auch in Deutschland, dass die Polizei das selten macht. Dass es im Freital nicht geknallt hat, liegt daran, dass sich engagierte Antifaschisten vor die Tür gestellt haben. Dazu habe ich aufgerufen.

Panik Panzer: Abgesehen davon steckt in Danger Dan ein kleiner Braveheart und er kommt bei politischen Reden gerne aus sich raus und schießt manchmal ein bisschen übers Ziel hinaus.

Koljah: Es ist kein Selbstzweck, irgendwelchen Nazis aufs Maul zu hauen. Das bringt politisch nicht so viel. Aber wenn du konkret Leute daran hinderst, anderen Leuten zu schaden, dann ist Gewalt manchmal auch notwendig. Wenn sich jemand das Ziel gesetzt hat, ein Asylbewerberheim anzuzünden, dann muss man ihn mit allen Mitteln daran hindern. Ich würde nicht jedem Nazi am Bahnhof aufs Maul hauen, aber auch keine Leute deswegen kritisieren. Ich weiß nicht, ob das die allerdurchdachteste, langfristig wirksamste politische Strategie ist.

Danger Dan: Es gab mal eine politisch Strategie von Antifaschisten namens ‚Die Strafmission’. Da ging’s darum, den Nazipogrom ökonomisch unwirksam zu machen, indem man da, wo so etwas stattfindet, das ganze Dorf kaputthaut. Tatsächlich funktioniert das. Diese Freaks argumentieren damit, dass sie Arbeitsplätze verlieren, verstecken ihren Rassismus hinter ökonomischen Aspekten. Von daher ist es gar nicht unwirksam, rassistische Gewalt teuer werden zu lassen. Wenn sich so ein Dorf nicht auf die Reihe kriegt und Lynch-Mobs durch die Gegend laufen, könnte man darüber nachdenken, ob das interessant sein könnte, in dem Dorf einfach alles kaputtzuhauen.

Bei einer linken Demonstration in der Rigaerstraße in Berlin-Friedrichshain wurden letztens über 100 Polizisten verletzt. Wie steht ihr dieser linken Gewalt gegenüber?
Danger Dan:
Die meisten haben sich wahrscheinlich selber verletzt vom Pfefferspray. Es gibt verschiedene Arten von Gewalt: gegen Menschen, systematischen Terror von Nazis, antifaschistischen Selbstschutz, der nicht besonders offensiv ist. Das sind vollkommen unterschiedliche Formen von Gewalt.

Koljah: Wenn man jemanden mit Gewalt daran hindert, jemand anderen Gewalt anzutun, kann man diese beiden Formen nicht auf eine Stufe stellen. Zu denken, dass niemals Gewalt notwendig ist, dass sich alle auf den Boden setzen und Tee trinken, das …

Danger Dan: Es gibt einen Passanten, der während des Anschlags in Nizza auf diesen Lkw aufgesprungen ist und versucht hat, den Typen zu stoppen. Der hatte nicht vor, mit dem zu reden. Und niemand würde ihm vorwerfen, dass er ein Gewalttäter ist, auch wenn er einer ist.

Apropos Terroranschläge: Wie spielt das dann zusammen, wenn eine Nation wie Deutschland aktiv in einen Krieg eingestiegen ist, der als Anti-Terror-Kampf verkauft wird?
Danger Dan:
Deutschland muss sich nicht groß als Weltretter aufspielen, da es den Ersten und Zweiten Weltkrieg angefangen hat. Militärische Interventionen müssen eher von der internationalen Gemeinschaft getragen werden. Deutschland kann man so schnell wie möglich entwaffnen. Und wenn man sagt, man ist antideutsch, dann geht es nicht um einen bestimmten Landstrich …

Koljah: … sondern um eine völkische Idee vom Deutschsein.

Danger Dan: Und eine komische identitäre Bewegung ist nicht zu unterscheiden von einem Neonazi-Haufen. Das ist auch absurd, ich habe von Freunden aus Österreich mitbekommen, dass die Österreicher bei der Geschichtsverarbeitung Verantwortung abschieben und meinen, die Deutschen waren es. Dabei gab es auch in Österreich Konzentrationslager.

Antilopen Gang by Daniel Shaked © 2016-4925Koljah, du hast auf einem Track gerappt: Ab jetzt gäbe es nur noch nihilistische Grütze, um dich ein bisschen von politischen Texten zu distanzieren. Und ihr habt euch als Prezident-Fans tituliert, der sich seinerseits in unserem Interview als nihilistisch beschrieben hat. Wie geht es euch damit, wenn Künstler-Kollegen das so klar ausdrücken?
Koljah:
Prezident ist ein sehr belesener, kluger Typ, der sich mit vielen Sachen auskennt. Wenn so jemand derartig an dem Normalzustand der Welt verzweifelt, weil alles aussichtlos ist, kann ich das ein Stück weit nachvollziehen. Ich bin auch kein politisch aktiver Mensch, auch wenn das immer alle denken. Ich schreibe Raptexte, die manchmal politisch sind, aber habe auch schon vor vielen Jahren mit dieser Idee abgeschlossen, mich in einer politischen Gruppierung zu engagieren und was zu reißen.

Deswegen hörst du auch lieber Bushido als die Orsons?
Koljah:
Das stimmt. Wobei ich sagen muss, dass ich manche Sachen von Maeckes oder Tua als Solokünstler lieber höre als Bushido. Der ist nicht der sympathischste Mensch, der so rumläuft im Rap-Game, aber ich finde manche Platten von ihm besser als die Orsons. Mit den Orsons würde ich allerdings jederzeit lieber ein Bier oder einen Tee trinken.

Panik Panzer: Hast du gemerkt, wie sie am Ende noch einmal versuchen, Beef zu schüren? 95 Prozent Politik, 5 Prozent Beef.

Koljah: Pierre Sonality, Prezident, Orsons …

„Da haben wir mit kleinen Ameisenfäustchen ganz feste gegen eine riesige Betonwand gehauen, uns die Finger gebrochen“

Einen haben wir noch: Würdet ihr wieder so einen Track machen wie gegen Prinz Pi damals?
Koljah:
Uns traut sich ja niemand mehr zu dissen, weil alle wissen, dass wir die Kingz sind und die Herrschaft im Game an uns gerissen haben.

Xavier Naidoo hat eigentlich auch nie reagiert auf euren kritischen Song?
Danger Dan:
Das war ihm auch egal. Strategisch ist das auch gut, auf Diss-Tracks gar nicht zu reagieren. So wie Prinz Pi das bei uns gemacht hat. Und da ist er als King rausgegangen. Da haben wir mit kleinen Ameisenfäustchen ganz feste gegen eine riesige Betonwand gehauen, uns die Finger gebrochen. Da gibt’s jetzt nicht viel Applaus dafür abzuholen, die Betonwand hat relaxt weitergechillt. Prinz Pi hat gewonnen.

Was müsste ein Fan nach dem Konzert zu euch sagen, dass ihr denkt, eure Aufgabe erfüllt zu haben?
Danger Dan:
(lacht) 1 T-Shirt bitte, dreimal „Aversion“ auf Vinyl.

Das ist aber ein sehr kapitalistischer Ansatz.
Koljah:
Ich finde die Leute am sympathischsten, mit denen man auch ein Gespräch über etwas führen kann. Die Leute, die ich nach Konzerten kennen gelernt habe und noch immer kenne, sind die, wo kein Hierarchie-Gefälle besteht. Das ist am Merch-Stand meistens ein bisschen anders, weil die Leute nur über das Konzert reden wollen. Ich unterhalte mich auch gerne über andere Rapper, hätten wir in diesem Interview noch gerne mehr machen können.

Danger Dan: Und über Kochrezepte.

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