Die Antilopen Gang übt sich in anarchistischer Alltagsgestaltung // Review

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Jkp (Warner) // VÖ: 20. 01. 2017

Die Antilopen Gang liefert nach ihrem Album „Aversion“, welches 2015 erschienen ist, mit „Anarchie und Alltag“ den nächsten Longplayer und besinnt sich dabei auf die Qualitäten des Vorgängers. Wie im kürzlich geführten Backspin-Interview von Panik Panzer verlautbart, sind diese Gesellschaftskritik, Klamauk und Depression. Eine ziemlich treffende Zusammenfassung, wobei der Erfolg der drei Antilopen dabei nicht zuletzt darauf fußt, dass jeder dieser drei Kategorien sowohl authentisch als auch inhaltlich ansprechend umgesetzt wird. Dass die neue Scheibe stellenweise wieder ähnlich poppig und HipHop-fern daherkommt, wie es schon bei „Aversion“ der Fall war, kann ob des Gesamtprodukts durchaus verschmerzt werden. Aber alles der Reihe nach.

Eröffnet wird das Feuerwerk der Vielfalt mit „Das Trojanische Pferd„, jenem Track, der samt Video als erster Vorbote zum Album präsentiert wurde. Mit der für das Trio üblichen Komik wird darin der eigentliche Zweck einer „Mainstreamband-Karriere“ offenbart: Das System zu infiltrieren, um es von Innen zu zerstören. Dass es dabei nicht nur um eine humoristische Formulierung der politischen Haltung der Antilopen geht, wird klar, wenn man diese schon etwas länger begleitet. Verarbeitet wird hier nämlich auch die eigene Bereitschaft, für „die Springerpresse“ die Aushängeschild-Rebellen zu geben. Man hat zwar gerne Erfolg, ist sich der eigenen Käuflichkeit aber durchaus bewusst.

Es folgt mit „Patientenkollektiv“ eines des großen Highlights des Albums. Die eigenen psychischen Schwierigkeiten werden darin mit einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber psychischer Gesundheit vermengt. Heraus kommt ein Track, der nicht nur eine starke Aussage transportiert, sondern auch ermutigen kann. Vor allem Danger Dan liefert hier einen starken und äußerst persönlichen Part. Dass direkt im Anschluss mit „Pizza“ der mit Abstand klamaukigste Track folgt, ist für Menschen, die Alben noch in einem Stück hören, zumindest fragwürdig. An und für sich macht die Nummer aber durchaus Spaß, wenn sie auch sehr danach klingt, für das Radio geschrieben worden zu sein. Es ist eben ein schwieriger Spagat zwischen Kunst und Kommerz.

„Fiasko“ stellt den klassischen Representer dar, der sich bei den Antilopen stets dadurch auszeichnet, mehrheitlich Punchlines gegen sich selbst zu enthalten. Das ist ganz witzig, wirkt allerdings ein wenig zu sehr nach Lückenfüller. Mit „Tindermatch“ folgt dafür ein Track, der genau ins Schwarze trifft. Koljah und Danger Dan lehnen sich darin an „Sascha“ von den Toten Hosen an und beschreiben die Geschichten von Dennis und Lutz, welche es als Deutsche nicht leicht hätten. Dass es sich bei den beiden Protagonisten um den inzwischen ums Leben gekommenen Ex-Rapper und späteren IS-Kämpfer Dennis Cuspert sowie Pegida-Gründer Lutz Bachmann handelt, wird dabei schnell deutlich. Und diese beiden sind sich ähnlicher, als ihnen lieb ist. Eine sehr gelungene Provokation, die auf elegante Weise den Finger in die Wunde legt.

Er tauchte ab, um für die Freiheit zu kämpfen,
das heißt Menschen zu köpfen und ihre Leichen zu schänden,
und mit dem Traum vom weltweiten Kalifat,
hört er heimlich Snoop Dogg auf dem Sexsklavinnen-Markt
(Tindermatch)

Mit dem gelungenen „ALF“ folgt eine Fortsetzung von „Outlaws“ (welcher auf Aversion erschien), wobei die Außenseiterrolle in diesem Fall deutlich resignierter beschrieben wird. Besonders die Hook gefällt. Im darauffolgenden Track gibt es den einzigen Gastauftritt eines Rapperkollegen zu bestaunen. Auf „Liebe Grüße“ darf Fatoni eine Strophe beisteuern und gemeinsam mit dem Trio eine weniger ernste Nummer gestalten, die passenderweise stark an „Kann nicht reden, ich esse“ von „Yo, Picasso“ erinnert. Darin werden nervige ehemalige Zeitgenossen mit fadenscheinigen Argumenten abgewimmelt. Nur Fatoni gestaltet seine Strophe etwas anders und trägt damit wesentlich zum Unterhaltungswert der Nummer bei.

Wie poppig die Antilopen Gang kann, beweist „Hilfe“, der von der Notwendigkeit einer umsorgenden Frau handelt. Dass dabei nicht gerade gelungene Eigenwerbung betrieben wird, versteht sich von selbst. Weil das Gesamtprodukt musikalisch wirklich außergewöhnlich streichelweich klingt, wird die Hook zum Schluss noch einmal in Tote-Hosen-Manier dargeboten. Dieser Kunstgriff soll gleichzeitig wohl auch auf den größten Ausreißer des Langspielers vorbereiten. Mit „Baggersee“ ist nämlich ein waschechter Punkrock-Track auf der Platte, der die antideutsche Haltung der Gang auf ziemlich drastische Weise verarbeitet. Die Forderung eines Baggersees soll durch den Abwurf einer Atombombe auf Deutschland realisiert werden. Natürlich kalkulierte Provokation, dennoch zumindest fragwürdig. Man stelle sich nur vor, es würde Derartiges für ein beliebiges anderes Land gefordert werden.

Wer die Antilopen Gang kennt, weiß, dass neben lustigen, provokanten und kritischen Inhalten auch die eigene Verlorenheit immer wieder thematisiert wird. Auf „Anarchie und Alltag“ passiert dies bei „Fugen im Parkett“, auf dem sich Punk-Urgestein Schorsch Kamerun für den Refrain gewinnen ließ. Die Nummer markiert den mit Abstand düstersten Track und skizziert die Lebensrealität eines Kneipenalkoholikers mit schmerzhafter Drastik. Der Vermischtheit der Platte wird mit dem direkt folgenden „Flop“ Rechnung getragen, welcher die Stimmung unmittelbar wieder hebt und das ironische Selbstbild der Antilopen und ihrer Protagonisten zum Besten gibt.

Neulich gab es mal Alarm im BKA,
da sagte der Kommissar: Oha, jetzt sind sie wieder da
scheinbar waren sie pleite, jedenfalls haben sie Geld gebraucht,
ich stelle mir das witzig vor, die sehen wie meine Eltern aus“
(RAF Rentner)

Es folgt ein, vor allem inhaltlich, sehr starkes Finale, welches aus „RAF Rentner“, „Lob der Lüge“ und schließlich „Gestern war nicht besser“ besteht. Zunächst wird das Schicksal der in die Jahre gekommenen Roten Armee Fraktion beschrieben, bei deren verbliebenen Mitgliedern es sich inzwischen um Menschen im Pensionsalter handelt. Dabei entstehen einige mentale Bilder, bei denen man sich zwischen Schmunzeln und Mitgefühl nicht entscheiden kann. Eine wirklich starke Nummer. „Lob der Lüge“ thematisiert die Notwendigkeit gesellschaftlicher Falschheit und trifft damit ebenfalls genau ins Schwarze. Besonders gut zur Geltung kommt dabei auch die sehr melodische Hook, welche die Qualitäten Danger Dans ein weiteres Mal unterstreicht. Das Album wird schließlich mit dem persönlichen „Gestern war nicht besser“ beschlossen. Die Nummer rechnet mit dem Konzept Schicksal ab und stellt diesem eine melancholische Akzeptanz für den Zufall gegenüber. Ein würdiger Abschluss einer teils qualitativ, aber vor allem stilistisch stark variierenden Platte.

Fazit: Die Antilopen Gang bringt mit „Anarchie und Alltag“ eine logische Fortsetzung von „Aversion“ heraus, die mit dem zwischen den beiden Alben erschienenen „Abwasser“-Mixtape (welches klassischeren HipHop enthielt) eher wenig zu tun. Im Mittelpunkt steht stattdessen wieder die Vielseitigkeit der Antilopen aus Gesellschaftskritik, der Verarbeitung seelischer Abgründe und selbstironischem Spaßrap zwischen melodischem Pop, Punkeinflüssen und Autotune. Dass dabei einige Tracks nicht so stark ausfallen, ist nicht anders zu erwarten, wie viele gelungen Nummern dagegen auf der Platte zu finden sind, ist wirklich außergewöhnlich. Danger Dan, Koljah und Panik Panzer können sich auf eine sicherlich stark besuchte Tour freuen und werden auch in Wien (1. März) und Salzburg (28. Februar) von einer stetig wachsenden Fanbase schon freudig erwartet.

3,5 von 5 Ananasse
3,5 von 5 Ananasse

PS: Die Antilopen Gang hat sich mit dem Bonusalbum „Atombombe auf Deutschland“ einen Traum erfüllt und einige große Tracks der Vergangenheit mit Größen der deutschen Punkrock-Szene neu vertont. Ein außergewöhnliches Projekt.

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