Alligatoah: „Satire ist eine Waffe, die verletzen kann“ // Interview

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Bastian Harting

Fast alle Termine der „Himmelfahrtskommando“-Tour sind ausverkauft, die kräfteraubende Show ist Alligatoah aber kaum anzumerken. Kurz vor dem Auftritt in Wien treffen wir den Musiker im kahlen Backstage-Raum des Gasometer, persönliche Sachen findet man hier keine – nur die goldene Ritterrüstung vom Tourplakat prangt auf dem Couchtisch. Das Trailerpark-Mitglied wählt seine Worte mit Bedacht, das Gefühl für Sprache merkt man nicht nur in seinen Song-Texten, sondern auch in der gehobenen Wortwahl. Trotzdem bleibt Alligatoah oft unkonkret und wägt jedes Wort genau ab. In diesem Stil erzählt der Rapper, dass er irgendwo zwischen Pop- und Rapwelt schwebt, Cloudrap geil findet und ihm das Interesse für Verschwörungstheorien Kopfzerbrechen bereitet. Außerdem versucht Alligatoah, den „sehr extremen und verrückten Kosmos“ von Trailerpark mit Satire zu verteidigen – obwohl diese keine Ausrede sein dürfe.

Interview: Julia Gschmeidler & Emil Delivuk

The Message: Du bezeichnest dich selbst als Schauspielrapper, dein Vater ist Schauspieler, du hattest eine Komparsen-Rolle in einem Emmerich-Film. Wie groß ist die Lust, einmal in Theater oder Film zu wirken?
Alligatoah:
Man kann diese Lust aus meiner Musik heraushören. Es ist ja nicht so, dass ich diesem Drang keinen Raum geben würde, denn das, was ich musikalisch und auf der Bühne mache, geht in Richtung Theater und Schauspielerei und insofern ist dieser Drang gewissermaßen befriedigt. Vielleicht wird sich auch irgendwann ein klassisches schauspielerisches Projekt ergeben, mal schauen.

Um die Schauspielmetapher etwas weiterzuspinnen: Während HipHop oft an Darsteller gebunden ist, die eine klare Position einnehmen, lässt du verschiedene Rollen in deiner Musik sprechen und erscheinst eher als Regisseur. Inwiefern ist das auch ein Schutz davor, beim Wort genommen zu werden?
Ich stelle mich dieser Frage regelmäßig. Ich versuche, durch meine Musik Dinge über mich herauszufinden und lerne mich besser kennen, je mehr Songs ich schreibe. Wenn ich Songs mache, die von anderen Personen handeln, bin ich doch irgendwo ich selbst, weil es meinem Charakter und meiner Persönlichkeit entspricht, dass ich Dinge aus verschiedenen Perspektiven betrachte und den Sichtwechsel in Leute wage, die mit meiner Einstellung überhaupt nichts zu tun haben. Ein gewisser Schutzmechanismus ist es natürlich auch, denn ich hatte nie das Interesse, mich und mein Leben nackt zu machen.

Oscar Wilde sagte mal, dass das Theaterspielen realistischer als das Leben sei. Inwieweit könntest du das auf deine Kunst beziehen?
Das Spielen von Rollen ist eigentlich das Authentischste und Realistischste, was ich machen kann – weil es eben meiner Person entspricht und insofern spiegle ich mich auch immer in dem, was ich „andere“ Charaktere sagen lasse.

Wenn man dein neues Album „Musik ist keine Lösung“ hört, bekommt man den Eindruck, dass es sehr stark um den Widerspruch zwischen moralischem Bewusstsein und dem tatsächlichen Handeln geht. Entlarvst du dich öfters selbst?
Die ganze Zeit! Das steckt auch für mich ganz stark im letzten Song („Musik ist keine Lösung“, Anm.). Der klingt für viele vielleicht wie eine Abrechnung mit den Menschen – aber eigentlich geht es darum, dass ich mich selbst niemals von dieser Kritik ausnehme und dass ich mit mir selbst genauso hart, wenn nicht noch härter ins Gericht gehe.

Eine Zuschreibung, die häufig von außen kommt, betrifft Ironie, Zynismus und Satire in deiner Kunst. Außerdem wird oft deine Doppelrolle als Sänger und Rapper betont. Kannst du mit diesen Zuschreibungen etwas anfangen und welches dieser Labels ehrt dich am meisten?
Man kriegt sehr viele Überschriften und Stempel aufgedrückt und gerade bei mir sind diese Zuschreibungen sehr vielseitig. Manchmal geht das in ganz wirre Richtungen und man kann nur darüber schmunzeln. Die Frage ist: Will ich überhaupt etwas sein und von Leuten als etwas gesehen werden und muss ich mir überhaupt überlegen, in welche Schublade ich passe?

Der Tagesspiegel bezeichnete dich als Szeneäquivalent zu Jan Böhmermann. Wie stehst du zu solchen Zuschreibungen?
Das ist ein „neutraler“ Vergleich. Ich war schon bei dem Herren in der Sendung, wir verstehen uns gut und sicherlich gibt es zwischen uns auch Überschneidungen. Manchmal kommt etwa der Ärzte-Vergleich und da kann ich auch nur mit den Achseln zucken. Ich habe mich nie an meine Musik gesetzt und wollte „der neue Irgendetwas“ sein. Deshalb ist es das größte Kompliment, wenn jemand die Suche nach einer Vergleichsperson zu mir aufgibt. Darüber freue mich am meisten – das kann man so stehen lassen!

Wenn man deine musikalische Laufbahn betrachtet, könnte man urteilen, dass du musikalisch und refrainbezogen schrittweise poppiger sowie inhaltlich und technisch stetig komplexer geworden bist. Hast du manchmal das Gefühl, in der Rapsezne herrscht ein Identitätsproblem zwischen singendem Popmusiker und technisch anspruchsvollem Rapper?
Als Musiker und Handwerker ist es absolut logisch, das Ganze zu verbinden. Einerseits will ich mich auf der musikalischen Ebene weiterentwickeln und meine Musik angenehmer und melodischer machen und andererseits will ich mich raptechnisch weiterentwickeln und meine Texte komplexer und verschachtelter schreiben. Aber ein Identitätsproblem in einer „Rapszene“ habe ich definitiv, weil die Leute Schwierigkeiten haben, das Gesamtprodukt einzuordnen. Ich bewege mich irgendwie in einem Raum, der nicht ganz in der Rapszene ist, weil es für die zu poppig ist. Aber auch nicht in der Pop- und Mainstreamszene, weil es für die dann doch „zu Rap“, zu wenig greifbar ist. Deshalb schwebe ich irgendwie zwischen diesen Bereichen, was eigentlich ganz angenehm ist. So können mich die Leute finden, die sich ebenfalls nicht festlegen wollen.

Du hast mal gesagt, dass die Raptechnik für dich immer wichtiger geworden ist. Wie stehst du dem momentanen Cloudrap-Hype gegenüber, in dem das Dogma der textlichen Komplexität wieder aufgebrochen wird?
Finde ich geil! Ich ein großer Fan, wenn auch nicht von allem. Aber es gibt Interpreten, die ich geil finde und höre, weil sie etwas machen, was so einfach ist und wieder einen Bruch in dieser Szene erzeugt, was ich wunderbar finde. Man darf auch nicht denken, dass ich nur das höre, was ich selbst mache. Ich interessiere mich viel mehr für Leute, die noch neuere Sparten an Rap finden. Würde ich nur hören, was meiner Musik ähnlich ist, müsste ich mich ständig ärgern, dass andere auf Ideen kommen, die ich selbst hätte haben können.

Um nochmal auf das Thema Sprache zurückzukommen: Du hast als Deutschlehrer einmal eine Vertretungsstunde absolviert. Wie war es für dich, Jugendlichen Sprache näherzubringen?
Erstmal eine ganz spannende Erfahrung, weil ich niemals Lehrer werden wollte. Lehrer waren einfach nicht cool und im Zweifelsfall sogar Hassobjekte. Ich habe aber festgestellt, dass unglaublich viel zurückkommt, wenn man sich mit jungen Leuten auseinandersetzt und dass die schon unglaublich viel begriffen haben. Ich höre oft: „Deine Texte sind so verschachtelt und die jungen Leute verstehen die Ironie gar nicht“. Aber das ist Blödsinn, die wissen das sehr wohl einzuordnen und das fand ich beeindruckend und es macht Hoffnung.

Du hast aber auch mal gesagt, dass du – bezogen auf die Fangemeinde von Trailerpark – unglaublich viele Menschen mit „extrem beschränktem Weltbild“ kennengelernt hast. In dieser Formation geht ihr ja nicht zimperlich mit Grenzüberschreitungen aller Art und Themen wie Frauenfeindlichkeit um. Tust du dir mit dem Bewusstsein, dass viele Leute auf euren Konzerten das vielleicht nicht richtig rezipieren, manchmal schwer, diese Art von Musik zu machen?
Dass meine Solomusik klar von dem Trailerpark-Projekt zu trennen ist, brauche ich ja nicht zu erörtern. Das Interessante an dem Projekt ist, dass dort Satire auf Realsatire trifft und es ist eine gewisse Bestätigung zu sehen, dass das existiert, was man besingt. Wenn ich einen Song wie „Willst du“ singe und jemand nutzt diesen als musikalische Untermalung für seinen Drogenkonsum, dann ist das für mich wie ein Stempel unter das Lied. Der Beweis und die Bestätigung, dass das existiert, was ich besinge. Dazu muss ich ganz klar sagen, dass ich mich ja nicht hinsetze und Songs schreibe, um diese Menschen umzukehren und die Welt zu verändern. Ich bin nach wie vor ein Beobachter und ein Spiegel einer gewissen Gesellschaft. In der gibt es eben die, die das Ganze von außen betrachten und zustimmen, und jene die, da drinstecken und verkörpern, worüber ich singe. Ich glaube nicht, dass ein Lied beim Künstler aufhört, sondern immer eine Wechselwirkung mit dem Hörer einnimmt.

Wenn man sich mit dem Menschen hinter der Künstlerfigur beschäftigt, bekommt man schon den Eindruck, dass die Grenzüberschreitung von Trailerpark nicht ganz zu dir passt. Es ist auch wieder ein Konzert mit Prostituierten und Sex auf der Bühne geplant, welches das von 2012 noch toppen soll. Gibt es Grenzen für dich, die du auch im Trailerpark-Umfeld nicht überschreiten würdest?
„Ich würde da nicht mehr mitmachen“ klingt, als wäre ich da ein Außenstehender, der bei einer Sache mitzieht, mit der ich nichts zu tun habe.

Aber gibt es etwas, das du moralisch nicht vertreten könntest?
Natürlich gibt es Sachen, die man moralisch nicht vertreten kann, die man als Person, die eine öffentliche Plattform nutzt, nicht aussagen möchte. Das Trailerpark-Projekt ist allerdings nicht ein Projekt von anderen Leuten, wo ich daran teilnehme, sondern das ist unser gemeinsames Ding – ich bin da genauso Teil davon wie die anderen drei. Dann finde ich es manchmal ein bisschen unpassend zu sagen, ich gehöre da nicht rein oder ich falle da raus. Denn das missachtet auch, dass da andere Figuren sind, die vielleicht auch in ihrer Solo-Karriere ganz andere Sachen machen, wo man auch sagen könnte, das passt nicht unbedingt zu Trailerpark. Aber das ist Sinn und Zweck der Sache, dass Trailerpark was gänzlich anderes ist als das, was wir einzeln darstellen und dass wir da unseren verrückten, sehr eigenen, sehr extremen und sehr grenzsuchenden Kosmos haben. Der da aber auch endet, klar definiert ist und der besprochen ist.

Du hast Trailerpark mal als „Müllhalde für den ganzen Asi-Scheiß, der in euch drinnen ist“ bezeichnet. Kunst muss viel dürfen – aber zu welchem Preis? Ist es nicht eine egoistische Sicht, den ganzen Blödsinn, der durch den Kopf geht, entladen zu können? Und gibt es manchmal die Debatte unter euch bezgülich der Wirkung eurer Texte und Videos?
Sicherlich gibt es da Gespräche, wir sind vier sehr unterschiedliche Menschen, haben Diskussionen. Generell sind wir uns in einem einig: nämlich dass Satire alles dürfen muss. Aber Satire darf keine Ausrede sein, das ist genauso wichtig. Denn du kannst mit satirischen Mitteln auch sagen, dass Ausländer doof sind. Dann darfst du das sagen, aber dann bist du wahrscheinlich ein Vollidiot. Deswegen muss man sich bei Satire bewusst sein, dass es sich um eine Waffe handelt – und mit Waffen kann man verletzen und verletzt werden. Wenn man das weiß, kann man eben auch mit einer gewissen Verantwortung das tun, was eben letztlich doch nur Egoismus ist – neben unseren Gedankenmüll abladen. Es ist nach wie vor wichtig, dass man sich diesen Rest-Egoismus beibehält, um künstlerisch eine gewisse Freiheit zu haben.

Auf dem Track „Mein Gott hat den Längsten“ deines ersten Albums „ATTNT“ gibt es die Zeile „Wir setzen ein Zeichen für die, die uns beleidigten, mit hundert Leichen von Unbeteiligten“. Würdest du in Zeiten des Islamischen Staates und dessen Terrorangriffe auf „Ungläubige“ wieder solche Zeilen schreiben?
Ich würde ihn natürlich mit besseren Reimen schreiben und ein paar niceren Punchlines. Aber ich spiele den Song nach wie vor live und ich finde ihn gerade in der jetzigen Zeit umso relevanter und aktueller.

Auch dieses Spiel mit dem Begriff Attentat, dein Image als Rapterrorist und das Auftreten mit Maske würde dich nicht stören?
Ich habe diese Erscheinungsform damals gewählt, weil ich von der Ästhetik fasziniert war und ich mich gerne vermummen wollte. Ich wollte damals noch nicht gesehen werden, als ich angefangen habe, Rap zu machen. Allerdings habe ich mich dann irgendwann dagegen entschieden, aber nicht, um der Gefährlichkeit der Metapher zu entgehen, sondern aus praktischen Gründen. Denn ohne Maske war es mir wesentlich leichter, verschiedene Rollen in Videos darzustellen. Wenn ich es noch einmal für notwendig erachten würde, mein Gesicht zu verbergen – was natürlich Quatsch wäre – klar, würde ich mir diese Ästhetik wieder aussuchen. Ich würde keine Rücksicht darauf nehmen, ob das Ganze mich selbst in eine gewisse Gefahr bringen könnte, da ich nicht glaube, dass es jemanden in irgendeiner Weise weiterbringt, wenn man als Künstler Angst hat.

Hattest du jemals Angst, dass auch ein Konzert von dir Ziel eines Attentats werden könnte?
Nein. Ich glaube das nicht, weil die Menschen, die auf meine Konzerte kommen und die sich generell mit meiner Musik beschäftigen, in einem ganz anderen Kosmos leben. Die ganze Ästhetik um Alligatoah ist so verspielt, bunt und kindisch, dass ein Publikum mit extremistischem Potential sich wahrscheinlich gar nicht davon gekitzelt fühlt.

In „Vorn an der Ecke“ machst du dich über Verschwörungstheorien lustig. Derzeit sind Haftbefehl und Kool Savas große Aluhut-Anwärter. Was macht diese Faszination aus, dass so viele Menschen auf nicht belegte, behauptete Thesen aufbauen?
Das ist etwas, womit ich mich viel beschäftige und was mir oft Kopfzerbrechen bereitet. Gerade in Zeiten der sozialen Medien hat das eine unglaubliche Verbreitung und es sind nicht nur noch einzelne Foren im Internet, sondern ganz normale Leute im Umfeld fangen an, solche Videos zu teilen und absurdeste Theorien zu glauben. Oder althergebrachtes Wissen nicht mehr zu glauben. Das finde ich fast noch schockierender und gefährlicher, dass man über Jahre angesammeltes Wissen, das sich in der Wissenschaft bewährt hat, aufhört zu glauben. Weil es bequemer ist oder einem Befriedigung gibt. Ich weiß nicht, was es ist, aber es ist sehr verbreitet und es macht mir Angst. (grinst)

Du meintest auch, du würdest gerne Archäologe sein, um beweisen zu können. Wäre das noch eine Option?
Wahrscheinlich, es ist nicht ausgeschlossen. Irgendwann fang ich an und werde allen beweisen, dass die Erde doch rund ist. (lacht)

Gerade deine Musik unterstreicht sehr schön, dass es nicht eine absolute Wahrheit gibt. Glaubst du, es wird die Zeit kommen, in der du als Schauspieler dich selbst spielst und klar Stellung beziehst? Ein Album, bei dem du deine persönliche Sicht auf die Gesellschaft zeigst?
Wenn dieser Tag kommt und ich dieses Album mache, dann wird es wahrscheinlich nicht Alligatoah heißen. Es kann sein, dass ich Interesse daran verspüre, Musik zu machen, die von den Texten her direkt und unverblümt ist. Aber das passt nicht in den Kosmos, den ich mir mit Alligatoah geschaffen habe und den ich auch so mit seinen Rahmenbedingungen lassen möchte.

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