Droogieboyz Interview: Hip Hop auf leiwand

05/06/2012

Keine andere österreichische Musikgruppe ist wohl enger mit der Fußballfanszene verknüpft. Der Fußballplatz und seine Nebenschauplätze spielen zwar in ihren Texten nach wie vor eine Rolle, allerdings erklären die mittlerweile drei rappenden Droogieboyz auch warum auf ihr erstes Mixtape „Paragraph 83“ nicht „Paragraph 84“, sondern „Brandinesa Boogieman“ folgte. Außerdem erzählen sie unter anderem über ihre musikalischen Wurzeln und wie die Chancen auf eine Zusammenarbeit mit Brenk stehen. Wie in unseren Hip Hop Messages üblich in einer Mischung aus Video und einem zusätzlichen schriftlichen Teil…


httpv://youtu.be/L7Y4knHd55s


TM: Von euch war erstmals 2008 mit der im Internet veröffentlichten Nummer „Grün weisse Krieger“ zu hören. Ähnliche Vereinshymnen gab es damals zum Beispiel in Polen schon sehr viele. War eure davon beeinflusst?

Guilty: Unsere Musik ist von keinem Land beeinflusst. Das ist aus uns heraus und durch unsere Kontakte entstanden. Wir sind gefragt worden, ob wir nicht so eine Nummer machen wollen. Wir haben die Idee natürlich auch cool gefunden.

Wer hat euch gefragt?
RnG: Naja gefragt vielleicht direkt nicht, aber im Umkreis, im Block, in der Kurve hat ein jeder gewusst, dass wir rappen. Und viele haben gesagt, dass eine Nummer für den Block sehr leiwand wäre.

Seid ihr am Fußballplatz wegen Rap nicht auch belächelt worden?
Hubiwaan: Das sind irgendwelche Schauergeschichten.
RnG: Die Leute vom Fußballplatz sind überhaupt die, für die wir das hauptsächlich machen. Wenn wir ein Video drehen will ein jeder dabei sein. In der Fußballszene ist es mittlerweile auch sonst gang und gäbe, dass jeder Klub einen Rapper hat, wenn nicht sogar zwei, drei.

Es hat also keine negativen Reaktionen gegeben?
RnG: Es wird immer Leute geben, die im Vorhinein sagen, dass sie Hip Hop überhaupt nicht interessiert. Wir kennen ja auch alle die Gangster Rapper mit ihren Gschichtln von denen 80% frei erfunden und nur 20% wahr ist. So etwas wird dann halt am Fußballplatz eher belächelt. Unsere Leute hören alle keinen Hip Hop, so ehrlich muss man sein. Auch jetzt nicht, aber durch den Mundart den wir rappen und die Ausdrücke, die wir verwenden und reinbringen, stehen die Leute bei uns auf einmal da und denken sich: „bumm – genau des hob i a letztens meina Oiden gsogt wie i haam kumman bin!“ Es ist doch schon ein kleiner Erfolg, wenn man Leute zu einer Musik bewegen kann, die sie früher total belächelt haben.

Wie viele Leute sind die Droogieboyz?
RnG: Boah, das ist jetzt sehr auf die Schnelle gefragt. Aber wir sind schon ein ganz ein guter Haufen, so zwischen 20 und 30 Leuten. Sieht man dann eh im Video. Vor allem von der Fußballszene die Partie, mit der wir auch immer auswärts gefahren sind und so.
Guilty: Droogieboy ist eine Lebensart und Weise, die wir repräsentieren. Jeder, der sich damit identifizieren kann, ist ein Droogieboy. Jeder der sich selber darin sieht oder hört. Wir repräsentieren unseren Slang, unsere Ecken und unseren Schlag von Leuten.

Glaubt ihr, dass jemand außerhalb von Wien eure Musik hört?
Guilty: Wir wissen, dass unsere Musik auch außerhalb von Wien gehört wird. Wenn die Stadt ein bisschen größer ist, dann wissen die Leute auch wovon wir reden. Wir kriegen eigentlich aus jedem Bundesland Zuspruch. Die negativen trauen sich vielleicht nicht, keine Ahnung. Auch aus Deutschland kommen viele positive Rückmeldungen.

Auf eurem ersten Mixtape „Paragraph 83“ gab es aber ein paar negative Töne von euch gegenüber Deutschen und Bauern…
Guilty: Ja, na gut gegen Bauern vielleicht…
RnG: Ich traue mich zu wetten, dass wenn am Land Leute streiten sie sich gegenseitig sagen: „Herst, du bist ja der ur Bauer.“ Wir meinen aber nicht, dass alle die am Land leben Bauern und Trotteln sind.
Guilty: Du könntest jetzt genauso gut Trottel statt Bauer sagen – is kein Unterschied.
Hubiwaan: Für sie sind wir halt die Mundln, das ist auch nichts anderes.
Guilty: Und das mit dem Piefke Ding…Wir rappen eigentlich nicht gegen die Piefke selber, sondern gegen die Jugendlichen, die hier mit unserem Slang, unserer Kultur aufgewachsen sind und einen auf Piefke machen und alles auf Hochdeutsch bringen, obwohl sie zu Hause vielleicht Mundart reden. Das ist einfach eine Message zu sagen: Rapp so wie du bist, sei so wie du bist und sei auf das bisschen… na, bisschen ist falsch gesagt, weil für uns ist das alles zu sagen: wir sind aus Wien und wir sind stolz auf Wien! Wenn das für andere nicht so ist, dann sollen sie sich das Kapperl schief aufsetzen und wie Deutsche daher reden, is auch ok. Aber dann kommt von uns auch so eine Nummer wie „Biag´o (Piefke)“.

Auf dem ersten Mixtape habt ihr auch noch zum Teil auf Hochdeutsch gerappt…
RnG: Das waren die kompletten Just for fun Tracks, die wir einfach so bei mir daheim schmähhalber aufgenommen haben. Die waren auch nur als Bonusnummern auf dem Mixtape drauf. Am Anfang probierst du halt herum. Nach drei vier Nummern haben wir sofort gesagt: herst, das ist nicht unseres. Ich will mich nicht vor das Mikrophon stellen und auf einmal anders sein und anderes klingen. Welche Slangwörter könnte ich da verwenden? Na keine! Und so kann ich es ausnützen, manchmal hört es sich vielleicht für manche schlimm an. Aber im Gemeindebau, in den Wirtshäusern, überall redet man so…
Guilty: Unser Slang ist überhaupt leiwand auf Hip Hop. Das können wir benutzen, so wie es auch die Amis machen. Wenn man sich die genau anhört, rappt auch ein jeder in seinem eigenen Slang und jeder steht zu seinen Wurzeln und jeder macht einen auf representen, auch wenn´s nur Fucking Kansas City ist.

Das erste Mixtape hat „Paragraph 83“ (Anm.: Paragraph für Körperverletzung im österreichischen Strafgesetzbuch) geheißen. Wäre da nicht für das zweite Mixtape „Paragraph 84“ (Anm.: Paragraph für schwere Körperverletzung)
prädestiniert gewesen?

Guilty: Das wäre keine Überraschung gewesen. Da hätte jeder gesagt: ah es kommt jetzt sicher das Vierundachtziger. Diesmal ist es aber echt Musik geworden, deswegen hätte „Paragraph 84“ nicht gepasst. Der 83er war anders, nämlich Gewalt Pur.
RnG: Wenn man Alben macht und dazwischen vier, fünf Mixtapes kann man so eine Serie machen und sich dann auf den Alben anders positionieren. Bei uns ist das aber nicht der Fall. Der „Brandinesa Boogieman“ passt jedenfalls wie die Faust auf´s Aug. Wir treiben uns gerne in Wirtshäusern rum, das sind für uns die heutigen Brandinesa.
Guilty: Und jede angsoffene Action beim Wirten ist der Boogie.

In der originalen englischen Bedeutung ist der Boogieman ja eine Phantasiefigur, mit der man die Kinder erschreckt, wenn sie schlimm sind. Sonst kommt der Boogieman in der Nacht…
RnG: Gut, dann passt das noch mehr als die Faust auf´s Aug.

Meistens kommt er mit einem Sack und vermummt…
Guilty: Der Zufall hat uns ja anscheinend gut begleitet.
RnG: Bei uns kommen die Sturmmasken und dann können die Spielerkinder nicht schlafen (lacht).

Woher wisst ihr, dass Kaisermühlen Compton ist?
RnG: Einen Tag bevor ich die „Kaisermühlen ist Compton“ Meldung auf Facebook geschrieben habe waren wir beim Brenky. Wie wir alle wissen hat er ja die Connect zu MC Eiht nach Compton und ist in Kaisermühlen zu Hause. Ich habe an dem Abend im Gegensatz zum Guilty nichts getrunken…ganz so einfach ist es ja beim Brenky auch nicht an dem vorbeizukommen (lacht).

Kann man auf eurem ersten Album mit einem Brenk Beat rechnen?
RnG: Wir sind auf jeden Fall connected.
Guilty: Nur wenn er sich bemüht…
RnG: Er weiß von uns und er ist auch nicht abgeneigt. Das gemeinsame Feeling muss auf jeden Fall passen. Wir wollen jetzt nicht einen Brenk Beat nehmen, nur weil jeder die Brenk Beats gern hat…Wenn er auf uns nicht passt macht es auch keinen Sinn.
Guilty: Wir haben ja auch unsere eigene Art Musik zu machen und wir lassen uns davon nicht wegbringen.

Das wäre?
Guilty: Wir haben eine eigene Beatwahl. Viele hören unsere Beats und denken sich zum Beispiel: „oida, das ist wie Rehnbahn Express Klasse 1“. Die Beats passen aber für uns, um unsere Emotionen auszudrücken ganz gut. Obwohl es für manche nicht experimentell oder funky genug ist.
RnG: Wie man ja hört sagen ja einige Produzenten auch: „oida für euch einen Beat zu schreiben ist ja ua schwer“…

In einem anderen Interview hat RnG, die Unterschiede zwischen der Fußballfankultur und der Hip Hop Fankultur in Österreich erklärt. Könntet ihr darauf noch einmal näher eingehen?
Guilty: Bei den meisten anderen Acts kommen immer die selben Leut…immer die selben 20 Hanseln die den Act feiern, dann kommt der nächste auf die Bühne und die nächsten 20 Haberer. Das ist halt eine ziemlich beschränkte Sache, die es bei uns nicht gibt. Bei uns sind die meisten vom Fußballplatz gewohnt, einen Schal oder ein Leiberl zu kaufen. Der wahre Hip Hoper ist ja auch nur auf Hip Hop unterwegs und steht dann unten und kann das viel besser und zeigt auf dich….will nix zahlen, trinkt den ganzen Abend ein Red Bull und so weiter. Aber wenn wir in der Szene Wien auftreten, dann ist die Bar leer gsoffn. Das ist der Unterschied. Genauso haben sie sich um die Leiberl gerissen.
Hubiwaan: Aus dieser Ecke hält man viel mehr zusammen. Vielleicht hat das Ganze auch deswegen so eine Eigendynamik bekommen. Die Geschichten die du am Fußballplatz erlebst, schweißen dich viel mehr zusammen…wie gesagt das ist einfach ein Lifestyle.

Guilty, du warst ja mit den Danube Dragons 2010 österreichischer Football-Staatsmeister…
Nach 25 Jahren der erste Meistertitel für die Dragons! Ich habe mich sehr reingehaut, spielentscheidende Aktionen geliefert, war ein super Erlebnis und footballtechnisch ein sehr gutes Jahr.

Da hast du mit der Nummer 99 gespielt, auf der Homepage von den Danube Dragons ist momentan ein anderer Name unter dieser Nummer gelistet…
Eigentlich wollte ich meine Karriere nach der Heim WM sowieso beenden. Im letzten WM-Spiel gegen Australien habe ich dann ein paar Leute liegen gelassen. Natürlich hat mich dann gleich die Doping-Kommission zu sich geholt. Ich bin auf THC positiv getestet worden und bin somit für ein Jahr gesperrt worden. 1200 Euro Strafe haben sie mir umgehängt und ja…es ist halt bisschen mit Wehmut zu betrachten. Es waren doch fünf Jahre Arbeit mit dem Nationalteam und viele Opfer dabei. So wollte ich das eigentlich nicht enden lassen. Ich wollte mein Land nicht beschämen. Aber so ist das…deswegen steht jetzt ein anderer Name bei der 99. Es wäre aber auch ohne Dopingtest so gekommen. Das Kapitel ist eigentlich vorbei, ich brauche jetzt bisschen mehr Zeit für Musik….mit euch muss ich mich für die Interviews treffen, is auch ein Hammer..Im Vordergrund steht jedenfalls meine Familie.

Noch ein letztes Thema: Beim Spiel Austria Wien gegen Metalist Kharkiv (15.9.2011) ist im ersten Rang der Austria-Fantribüne ein relativ kleines „Droogieboy forever“ Transparent gehangen, weil ein in der Fanszene sehr bekannter Austria Fan kurz vor dem Spiel verstorben war. Hatte das etwas mit euch zu tun, oder war das Zufall?
RnG: „Droogieboy forever“? Bei Austria gegen Kharkiv? Das kann ich mir nicht vorstellen, weil ich das Transparent gemacht habe. Da sind das Wien Wappen mit einem grünen H und auf den Seiten ein RIP und der Name des Verstorbenen drauf. Anscheinend war es ein Zufall, dass sonst vielleicht noch etwas gehangen ist. Aber auf jeden Fall gibt es den Droogieboy Lifestyle bei der Austria genauso.
Guilty: Den gibt’s in allen Farben und in jedem Land.
RnG: Der Verstorbene war ein Großer von der Austria und wenn man da nicht zusammenhält, wenn jemand stirbt, wann dann? Mit unserer Teilnahme am Trauermarsch und dem Spiel haben wir ihm auch den letzten Respekt erwiesen.


Austria Wien – Metalist Kharkiv. Quelle: http://bad-voeslau94.0101.at/saison/20112012/Pict305375_FAK_KAR.jpg (Copyright: Austria Fanclub Bad Vöslau 1994)

Ihr selber betont immer wieder unpolitisch zu sein. In den Medien war es rund um den Trauermarsch unter anderem auch deswegen laut, weil der Verstorbene aus dem rechten Lager gekommen sein soll und sowohl bei seinem Begräbnis als auch beim Trauermarsch zum Stadion rechtsradikale Symboliken aufgetaucht sind. Wie geht ihr selber mit rechtsradikalen Personen um?
RnG: Der, der für Wien steht, hat meinen Respekt, so lange er mir auch seinen Respekt erweist. Ist mir doch wurscht von wo der ist. Ob das jetzt ein Türke, Kroate oder Mexikaner ist…
Guilty: Er kann aber auch ein Rechter sein und leiwand sein.
RnG: In einer Fankurve hast du alle politischen Ansichten. Ich persönlich bin jetzt überhaupt nicht auf dieser Schiene, aber trotzdem gebe ich diesem Mann den Respekt, weil ein Menschenleben gestorben ist. Und weil er abgesehen von der politischen Sache, als Mensch für uns ein Großer war. Dann sehe ich das hinten nicht. Wenn ich bei so einer Sache das Politische auch ausbreite: „na da geh ich nicht hin, weil der war rechts“…dann fange ich ja auch schon bisschen mit einem Rassismus an. Sicher, wenn er wie der Küssel Parolen geschwungen hätte, wäre das anders gewesen. Aber dann wäre er auch nicht so stark mit uns in Kontakt gewesen.
Hubiwaan: Mit Politik hat das nichts zu tun. Ich glaube auch, dass es mittlerweile zu klischeehaft ist zu sagen, dass Fußballfans rechts sind. Die Zeiten sind schon lange vorbei. Du hast da quer durch die Bank alles drin. Vom Künstler bis zum Beamten.
RnG: Radikal links ist nicht gut, radikal rechts ist nicht gut. Im Endeffekt verorschen uns die Politiker von vorne bis hinten. Egal von welcher Ecke sie sind, sie stecken sich sowieso nur die Kohle ein.

Interview: Jan Braula
Kamera & Schnitt: AMRBTZ
Photos: Daniel Shaked

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